Männer und Beckenboden

Ja, auch Männer haben einen Beckenboden – auch wenn das vielen von ihnen nicht bewusst ist, bis sie ihn brauchen.

Unterschiede

Das Becken, die Beckenorgane und der Beckenboden sind Teile der menschlichen Anatomie, die bei Männern und Frauen relevante Unterschiede aufweisen. Das männliche Becken ist schmaler, schließlich muss hierdurch kein Kind geboren werden. Es gibt beim Mann nur zwei Körperöffnungen in diesem Bereich, Harnröhre und After. Die Harnröhre ist deutlich länger, als bei der Frau, so dass Blasenentzündungen seltener vorkommen. Unterhalb der Blase liegt die Prostata. Sie füllt den Bereich zwischen Blasenboden und Beckenboden aus und umhüllt die Harnröhre in diesem Bereich, was ihr gute Stabilität verleiht. Harninkontinenz ist deshalb für Männer im Normalfall kein Thema. Organsenkungen kommen beim Mann auch nicht vor. Trotzdem ist der Beckenboden auch für Männer wichtig.

Die Prostata

Spätestens mit 45 Jahren sollten Männer regelmäßig ihre Prostata untersuchen lassen. Eine gutartige Vergrößerung der Prostata ist normal, kann aber mit dem Älterwerden dazu führen, dass der Harnstrahl schwächer wird, es zum Nachtröpfeln kommt und Restharn in der Blase bleibt. Außerdem werden die Toilettengänge häufiger und auch nachts wird Mann immer öfter von seiner Blase geweckt. Eine Behandlung ist möglich. Meist mit Medikamenten, bei größeren Problemen mit einer OP.

Um mit dem häufigen Harndrang, der sich bis zur Überaktiven Blase (OAB) entwickeln kann, besser zurecht zu kommen, können sogenannte Aufschubstrategien erlernt werden. Die Blase sollte trainiert werden, nicht beim kleinsten Harndrang geleert werden zu müssen. Um Restharn zu vermeiden ist es wichtig, nicht mit Druck zu Entleeren. Die Haltung und Entspannungsfähigkeit beim Wasserlassen sollten überprüft werden. Bei Bedarf kann Physiotherapie helfen.

Der bösartige Prostatakrebs ist ein Thema, über das sich Männer oft Sorgen machen. Ein erhöhter PSA-Wert kann ein Hinweis sein, kann aber auch eine Vielzahl anderer Ursachen haben. Hat der Urologe den Verdacht, dass es sich um einen Tumor handelt, wird das mittels einer Gewebeprobe untersucht. Ein bösartiger Tumor kann mit verschiedenen Methoden behandelt werden. Welche Behandlung am Besten ist müssen jeweils Arzt, bzw. Ärztin und Patient miteinander besprechen. In vielen Fällen ist eine Operation das Mittel der Wahl.

Bei der Operation eines Prostatakarzinoms muss ein Großteil oder meist die ganze Prostata entfernt werden. Da sie die Harnröhre umgibt, muss dieser Teil der Harnröhre mit entfernt werden. Das führt dazu, dass der Penis nach der Operation etwas kürzer erscheint. Oftmals wird auch der innere Schließmuskel in Mitleidenschaft gezogen. Manchmal müssen auch umliegende Strukturen und Nervenbündel mit entfernt werden. Je nach Größe des Tumors und der OP können die Probleme hinterher dann auch ganz unterschiedlich sein.

Wenn der innere Schließmuskel erhalten werden konnte und die Nervenbahnen intakt sind, sind kaum größere Probleme zu erwarten. Wurde der Schließmuskel mit entfernt, besteht die Gefahr einer Inkontinenz. Wenn Nervenbündel fehlen ist mit Problemen in der Sexualität zu rechnen.

Physiotherapie, bzw. Beckenbodentraining sollte im Idealfall bereits vor der Operation starten und nach der Operation fortgesetzt werden. Um die Kontinenz zu sichern ist jetzt der Beckenboden wichtig, der gemeinsam mit dem äußeren Schließmuskel der Harnröhre nun lernen muss aktiver zu sein. Intensive Kräftigungsübungen und das Erlernen der korrekten Aktivierung der Muskulatur bei Druckerhöhung im Bauchraum sind wichtig. Alleine schon das Aufstehen vom Sitzen kann zu einem Urinverlust führen. Husten und niesen, das Heben von Dingen, Treppe steigen und Ähnliches erfordern eine Reaktion des Beckenbodens, die erlernt werden muss. Und wenn das Ziel ist nach der Heilungsphase auch wieder sexuell aktiv zu sein, dann braucht auch das Übung. Die Muskulatur und die Schwellkörper bauen sich bei zu langer Inaktivität ab. Genaueres am besten mit dem Arzt oder der Ärztin besprechen.

Proktologische Probleme

Männer kommen aber nicht nur nach Prostatektomie zur Beckenbodentherapie. Nach proktologischen Operationen kommt es oft zu Stuhlinkontinenz, Entleerungsproblemen oder Obstipation, also Verstopfung. Das ist für die Betroffenen sehr belastend. Oftmals ist Kräftigung wichtig, aber auch Entspannung, eine gute Entleerungsposition oder die Anregung der Peristaltik. Die Therapie ist, wie immer, individuell. Es ist auch hier wieder sinnvoll zu einer spezialisierten Therapeutin oder einem spezialisierten Therapeuten zu gehen. Zu finden zum Beispiel unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste.

Bei Darmoperationen muss manchmal für einige Zeit ein Stoma gelegt werden, also ein künstlicher Darmausgang. Während dieser Zeit und spätestens bevor dieser wieder zurückverlegt wird, ist es sinnvoll den Schließmuskel des After zu trainieren, um nach der Ruhigstellung dieses Bereiches wieder genügend Kraft zur Kontinenzsicherung zu haben.

ED

Eine erektile Dysfunktion (ED) ist ein weiterer Grund, warum Männer einen Urologen aufsuchen. Die Ursachen können vielfältig sein. Zuerst gilt es, eine organische Ursache auszuschließen. Übergewicht, Stress, Alkohol und Rauchen können ebenfalls zur Entstehung einer ED beitragen. Je nachdem, wo die Ursache liegt, kann Beckenbodentraining helfen. Diese besteht dann sowohl aus Kräftigungsübungen, als auch aus Entspannungsübungen.

Schmerzen im Becken

Schmerzen im Beckenboden oder Beckenbereich betreffen auch immer wieder Männer. Da sich Hausärzte mit diesem Bereich meist nicht gut auskennen und gerade junge Männer selten zu Urolog*innen oder Proktolog*innen gehen, dauert es manchmal lange, bis Betroffene zur Physiotherapie kommen. Schmerzen sind ein vielschichtiges Problem, dass individuell behandelt werden muss. In vielen Fällen ist aber Hilfe möglich. Bei Schmerzen gilt es herauszufinden, in welchem Bereich sie sind, ob es auslösende oder verstärkende Faktoren gibt, was gut tut oder wann die Schmerzen vielleicht sogar ganz weg sind, wie der Patient bisher mit dem Schmerz umgegangen ist und vieles mehr. Entspannung und Atmung sind oft ein wichtiger Teil der Behandlung. Aber so verschieden wie die Patienten sind, so verschieden ist auch die Therapie.

Also liebe Männer. Geht bei Problemen zum Arzt. Ansprechpartner können Hausärzt*innen, Internist*innen, Urolog*innen und Proktolog*innen sein.

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie / Physio Pelvica / Tanzberger-Konzept

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Und mehr Informationen zu Studien und Hintergründen finden sich hier: https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/12/27/was-sagen-eigentlich-studien-dazu-teil-2-maenner-und-beckenboden/

Veröffentlicht von beckenbodenphysiolucy

Ich bin Physiotherapeutin, spezialisiert auf die Beckenbodentherapie und arbeite angestellt in einer Praxis.

Ein Kommentar zu “Männer und Beckenboden

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