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Was sagen eigentlich Studien dazu Teil 4 – Inkontinenz bei Sportlerinnen

Sport und Inkontinenz, das sind zwei Themen die scheinbar gar nicht zusammenpassen. Und wenn Inkontinenz insgesamt nach wie vor für viele ein Tabuthema ist, dann trifft das im Zusammenhang mit Sport noch viel mehr zu! Leider. Besonders (aber nicht nur) im Leistungssport sind viele Frauen von Harninkontinenz betroffen. Dass im Training auch der Beckenboden beachtet und mit trainiert wird, ist nach wie vor nur selten der Fall, auch wenn es mittlerweile glücklicherweise häufiger zum Thema gemacht wird.

Über die Zusammenhänge zwischen Sport und Beckenboden habe ich in einem früheren Beitrag bereits geschrieben. Nun möchte ich die Studienlage dazu genauer beleuchten. https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/05/12/die-beziehung-zwischen-sport-und-beckenboden-es-ist-kompliziert/

Mehrere Studien haben in den vergangenen Jahren untersucht, wie hoch die Gefahr der Entstehung von Harninkontinenz im Zusammenhang mit verschiedenen Sportarten ist. Für dieses systematische Review von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29552736/ wurden 385 Studien gelesen, von denen 22 den Standards entsprachen und analysiert wurden. Inkontinenz trat bei 10 – 80% der Frauen auf und war hauptsächlich abhängig von der Sportart und von der Trainingsintensität. Je niedriger die Belastung, desto geringer auch tatsächlich die Probleme. Mit 80% fanden sich die höchste Prävalenz bei Trampolinspringerinnen.

Diese Meta-Analyse von 2020 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32774559/ kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Stärke der Belastung der jeweiligen Sportart einen großen Einfluss auf die Häufigkeit von Harninkontinenz bei den Sportlerinnen hat, bei Volleyballspielerinnen lag sie bei 75,6%.

2018 kam diese Cross-sectionale Studie bereits zu einem ähnlichen Ergebnis. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29464810/ Basketball und Handball zeigten hier fast so hohe Quoten wie Volleyball. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass eine Information für Frauen, die gefährdete Sportarten ausüben, und ein präventives Beckenbodentraining für diese Sportlerinnen sinnvoll sei.

Eine Studie von 2019 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30620148 untersuchte ganz speziell die Auswirkungen von Cross Fit auf die Kontinenz von Frauen. Beim Cross Fit geht es um Kraftaufbau, im Gegensatz zu Training im Fitness-Studio wird hier aber Gewichtheben mit Sprüngen, Squats und vielem mehr kombiniert. Die Studie verglich Frauen, die Cross Fit ausübten mit Frauen, die normales Aerobic machten. In der Cross Fit Gruppe kam es bei fast der Hälfte der Teilnehmerinnen zum Auftreten einer Belastungsinkontinenz während des Trainings. Die meiste Belastung und häufigsten Inkontinenzepisoden traten bei Double-Unders (47,7%), Jumping Rope (41,3%) und Box Jumps (28,4%) auf. Frauen, die bereits Kinder geboren hatten, waren noch deutlich häufiger betroffen (auch bei Squats mit und ohne Gewicht) als Frauen, die noch keine Kinder geboren hatten. Die meisten Frauen trafen Vorkehrungen, um Urinverlust zu vermeiden. Sie leerten die Blase vorsichtshalber vor dem Training, trugen schwarze Kleidung und einige aktivierten gezielt den Beckenboden beim Training. In der Aerobic-Gruppe kam es zu keiner Inkontinenz während des Trainings.

Eine andere Studie von 2018 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29493531 verglich die Kraft der Beckenbodenmuskulatur von Sportlerinnen in belastungsintensiven Sportarten mit der von Frauen, die nur wenig körperliche Aktivität hatten. Die Frauen in beiden Gruppen hatten noch keine Kinder geboren. In der Gruppe der Sportlerinnen bestand bei 61,1% eine Belastungsinkontinenz, die am häufigsten bei starker Belastung im Training auftrat, in der Gruppe der untrainierten Frauen waren es 12,5%. Die Kraft der Beckenbodenmuskulatur war in der Gruppe der trainierten Frauen nur etwas und nicht signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Das Wissen um den Beckenboden war bei den Sportlerinnen dafür ebenfalls größer. Das zeigt jedoch, dass es bei sportlicher Betätigung nicht automatisch zu einer Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur kommt, sondern dass diese gezielt trainiert werden muss, um den erhöhten Belastungen standhalten zu können.

Diese Meta-Analyse von 2020 https://search.pedro.org.au/search-results/record-detail/63363 wollte herausfinden, wie nützlich Beckenbodentraining für Sportlerinnen ist. Auch sie fand eine hohe Prävalenz für Harninkontinenz, wiederum abhängig von der Höhe der Belastung der jeweiligen Sportart und immer häufiger als in den Kontrollgruppen. Die generelle Wirksamkeit von Beckenbodentherapie in der Behandlung von Belastungsinkontinenz ist gut belegt, hier war zudem eine noch größere Verbesserung der Beschwerden bei Sportlerinnen im Vergleich zu untrainierten Frauen zu sehen.

Auf die Ergebnisse einer recht neuen Studie von 2020 möchte ich etwas ausführlicher eingehen. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7959087/ Sie bestätigt die Ergebnisse der bereits vorgestellten Studien und ergänzt sie noch. So wird hier festgestellt, dass es auch im Triathlon häufiger zu Harninkontinenz bei Frauen kommt, obwohl Schwimmen und Radfahren als beckenbodenfreundlich gelten. Es wird davon ausgegangen, dass es in der Kombination und über die Dauer der Belastung zu einem negativen Synergieeffekt kommt. Auch wird angenommen, dass Verbreitung von Inkontinenz bei Frauen allgemein unterschätzt wird, weil sie oftmals nicht berichtet wird. 24% der Frauen, die sich selbst als kontinent bezeichneten, zeigten beim Pad-Test einen Urinverlust. In der Studie wird darauf hingewiesen, wie wichtig der Einfluss des intraabdominellen Druckes und die Reaktion der Beckenboden- und Bauchmuskulatur darauf für die Kontinenz ist. Eine gute Koordination dieser Muskulatur, in Verbindung mit einer guten Atemtechnik und ausreichend Kraft sind notwendig, um Probleme zu verhindern. Auch Östrogenmangel, der nicht nur wechseljahrsbedingt auftritt, sondern auch mit einem sehr niedrigen BMI in Verbindung steht, wie ihn junge Sportlerinnen häufig haben oder wie er bei Magersucht vorkommt, beeinflusst die Kontinenz negativ. Ein weiterer Risikofaktor ist eine übermäßig ausgeprägte Lendenlordose (Hohlkreuz), die oftmals mit unzureichendem Bauchmuskeltraining zu tun hat. In der Gruppe der Cheerleader kommt es interessanterweise häufiger zu Stuhlinkontinenz (26,9%) als zu Harninkontinenz. Die Studienmacher empfehlen gezieltes Beckenbodentraining für Sportlerinnen und als mögliche Unterstützung vaginale Tampons oder Pessare.

Einige Studien gehen davon aus, dass Inkontinenz im Sport noch deutlich weiter verbreitet ist, als die Ergebnisse nahelegen, weil selten darüber gesprochen und es häufig ignoriert wird. Wie viele Frauen aus diesem Grund ihren Sport aufgeben, ist ebenfalls nicht bekannt.

Über das Thema Inkontinenz zu sprechen kann helfen – mit Freundinnen, um generell aufmerksam zu machen und auf Hilfen zu verweisen, mit Ärzt*innen, um selbst baldmöglichst Hilfe zu bekommen. Spezialisierte Physiotherapeut*innen finden sich über die Therapeutenliste der AG GGUP unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste. Auch ich bin über diese Liste zu finden. 😉

Lucia Sollik Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Veröffentlicht von beckenbodenphysiolucy

Ich bin Physiotherapeutin, spezialisiert auf die Beckenbodentherapie und arbeite angestellt in einer Praxis.

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