Beckenbodentraining – ein Leben lang?

Dass Beckenbodentraining bei Senkungsbeschwerden und Inkontinenz hilft, ist unbestritten. Zahlreiche Studien haben dies in den letzten Jahrzehnten immer wieder bestätigt.

Wichtig für den Erfolg ist eine gute Anleitung und ein gut aufgebautes und abgestimmtes Trainingsprogramm. Auf die Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeut*innen können ein individuell auf die Bedürfnisse von Betroffenen ausgerichtetes Trainingsprogramm erarbeiten, das auch Übungen zur besseren Wahrnehmung und Entspannungsfähigkeit sowie Tipps für den Alltag beinhalten kann – je nach Bedarf eben.

Und wie lange muss ich die Übungen machen? Für immer?

Eine häufig gestellte Frage ist, ob die Übungen dann ein Leben lang gemacht werden müssen. Wie so oft, lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten. Meine kurze Antwort lautet: „Es kommt darauf an.“

Wie lange dauert Kräftigung?

Kraftaufbau setzt bei allen Muskeln voraus, dass mit ausreichender Intensität und Häufigkeit trainiert wird und die Übungen immer wieder angepasst und gesteigert werden. Das gilt im Fitness-Studio genauso wie für den Beckenboden. Niemand erwartet nach 3 Wochen im Gym bereits deutlich mehr Muskeln zu sehen. Was für den Bizeps Zeit braucht, ist auch für den Beckenboden nicht so schnell zu erreichen.

Wer mit Training beginnt, spürt oft bereits in den ersten Wochen Veränderungen – die trainierte Muskulatur arbeitet effektiver, die Koordination wird besser und auch die Wahrnehmung für den trainierten Bereich. Das alles führt dazu, dass sich etwas positiv entwickelt. Doch mehr Muskelmasse entsteht so schnell noch nicht. Kraftaufbau auch im Sinne einer Muskelhypertrophie braucht mindestens 3 – 5 Monate, in denen regelmäßig und intensiv genug trainiert wird.

Wann ist der Beckenboden wieder fit?

Die richtigen Übungen, die mit der passenden Intensität, regelmäßig und häufig genug ausgeführt werden, um einen Kraftzuwachs zu erreichen, sind nur ein Teil dessen, was es braucht, um das Ziel eines fitten Beckenbodens zu erreichen. Der Beckenboden muss zudem lernen, auch im Alltag wieder seine Aufgaben zu erfüllen. Er muss lernen, bei Belastung wieder automatisch aktiv zu werden – immer angepasst an die Höhe der Belastung und des intraabdominellen Druckes, der dabei entsteht. Das braucht Zeit!

Wie lange es dauert, bis der Beckenboden wieder ausreichend Kraft aufgebaut hat, hängt natürlich auch damit zusammen, wie viel – oder wenig – Kraft er zu Beginn hatte und wie fit er wieder werden soll. Außerdem kommt es auch darauf an, ob es das Ziel ist wieder ohne Probleme Husten und Niesen zu können und einen Spaziergang zu bewältigen oder ob Joggen, Trampolinspringen und Crossfit wieder möglich sein sollen.

Als Minimum muss deshalb ein halbes Jahr Trainingszeit eingerechnet werden, aber es kann auch deutlich länger dauern, die eigenen Ziele zu erreichen.

Woran erkenne ich, dass mein Beckenboden wieder fit ist?

Dafür können verschiedene Dinge beobachtet und getestet werden. Zum einen ist es hilfreich immer wieder selbst zu ertasten, wie deutlich vaginal eine Beckenbodenanspannung spürbar ist und wie lange diese gehalten werden kann. Wer bereits zu Beginn des Trainings vaginal tastet und dabei den Beckenboden aktiviert, kann dann durch regelmäßiges erneutes Tasten spüren und vergleichen, ob sich etwas verändert hat.

Symptome, wie z.B. Urinverlust beim Husten, bzw. Niesen oder auch ein Druck- und Schweregefühl bei langem Stehen oder schwerem Heben, sollten sich mit besserer Beckenbodenaktivität Stück für Stück verringern. Außerdem kann es hilfreich sein, Symptome in Alltags- und Belastungssituationen zu beobachten, um Veränderungen wahrzunehmen.

Ebenfalls hilfreich ist es, zu beobachten, wie sich der Beckenboden bei Anstrengung und Belastung verhält. Ein gesunder Beckenboden reagiert automatisch auf Belastung, ein geschwächter Beckenboden kann das oftmals nicht, was dann eben zu Symptomen wie Urinverlust oder Senkungsbeschwerden führt. Wenn der Beckenboden zu Beginn der Therapie also z.B. beim schweren Heben oder Bergabgehen spürbar nicht aktiv ist, sondern Druck nach unten wahrnehmbar ist, dann ist es das Ziel, dass er irgendwann bei solchen Belastungen wieder von selbst die nötige Aktivität aufbaut.

Kann ich dann mit den Übungen einfach aufhören?

Wenn der Beckenboden wieder eine gute Kraft aufgebaut hat, keinerlei Symptome mehr vorhanden sind und er auch im Alltag jederzeit wieder automatisch und angepasst an die Belastung aktiv ist, dann ist das Ziel der Therapie erreicht. Einfach von heute auf morgen komplett mit den Übungen aufzuhören, ist dennoch nicht ideal.

Empfehlenswert ist es, das Training erstmal von täglich auf 2-3 x pro Woche zu reduzieren und zu beobachten, ob die Belastbarkeit trotzdem erhalten bleibt.

Langfristig kann es dann ausreichen, im Alltag Überlastungen zu vermeiden und bei größeren Belastungen gut zu beobachten, ob der Beckenboden alleine zurecht kommt oder doch eine bewusste Aktivierung zur Unterstützung sinnvoll ist.

Wird der Beckenboden in jedem Fall wieder richtig fit?

Leider muss ich diese Frage mit nein beantworten. Wenn die Ursache der Beschwerden nur eine vorübergehende Schwächung der Muskulatur war, dann kann die Therapie tatsächlich irgendwann abgeschlossen sein.

Wenn den Beschwerden allerdings Verletzungen der Beckenbodenmuskulatur, der Bandstrukturen, die die Organe stabilisieren, zugrunde liegen, wenn bereits eine deutlich Senkung der Organe vorliegt oder andere Erkrankungen ursächlich sind, dann kann es sein, dass es tatsächlich nötig ist, ein Leben lang den Beckenboden aktiv zu unterstützen. Eine Besserung der Symptome und ein Kraftzuwachs sind trotzdem möglich, aber nicht in jedem Fall ist das ausreichend, um die Übungen überflüssig zu machen.

Zusätzlich Maßnahmen, wie z.B. eine Pessartherapie, Elektrostimulation und/oder Biofeedback können je nach Beschwerdebild sinnvoll sein und sollten sowohl ärztlich als auch therapeutisch besprochen werden.

Eine ärztlich Abklärung ist bei Problemen im Bereich des Beckens und Beckenbodens in jedem Fall sinnvoll. Dann kann die passende Therapie gewählt werden und mit etwas Zeit und Geduld bessern sich dann in den meisten Fällen auch die Beschwerden.

http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Physio Pelvica Therapeutin

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Veröffentlicht von beckenbodenphysiolucy

Ich bin Physiotherapeutin, spezialisiert auf die Beckenbodentherapie und arbeite angestellt in einer Praxis.

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