Immer diese „Anspann-Übungen“ – Beckenbodentraining muss doch auch anders gehen!

„Beckenbodentraining, das ist doch langweilig. Immer nur Anspannen!“

Oft höre und lese ich, wie Beckenbodentherapie als reines Anspannen bezeichnet wird. Dann folgen meist Tipps und Übungsideen, die mehr Spaß machen und effektiver sein sollen, da bei diesen Übungen der Beckenboden einfach automatisch mitmacht und dadurch kräftiger wird. Das klingt doch gut!

Zu gut, um wahr zu sein?

Vorneweg möchte ich anmerken, dass die funktionelle Beckenbodentherapie ganz viele verschiedene Dinge umfasst. Die gezielte Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur ist nur ein Teil davon. Wer zu spezialisierten Physiotherapeut*innen geht, wird erstmal genau gefragt, was für Symptome vorhanden sind. Es ist empfehlenswert, bei einem der nächsten Termine durch vaginale und anorektale Inspektion und Palpation einen genaueren Befund zu erstellen. Davon leitet sich dann die individuelle Behandlung ab. Erklärungen zur bestehenden Symptomatik, zur Anatomie und Physiologie, Infos und Tipps für den Alltag, zum Trink- und Entleerungsverhalten, Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung, der Atmung, der Entspannung und vieles mehr können neben einem Training für die Kraft hilfreich sein.

Das Krafttraining setzt eine gute Wahrnehmung und Ansteuerung der Beckenbodenmuskulatur voraus. Und zu Beginn der Therapie soll der Beckenboden meist tatsächlich isoliert, bzw. in Kombination mit der tiefen Bauchmuskulatur, aktiviert und gekräftigt werden. Sobald das gut umsetzbar ist, soll die Beckenbodenmuskulatur aber lernen, auch bei verschiedensten Bewegungen mit aktiv zu werden. Die Übungsauswahl und die Steigerungen orientieren sich dabei individuell daran, was der Beckenboden kann und welches Ziel erreicht werden soll. Wer wieder Joggen will, wird langfristig andere Übungsvarianten brauchen als jemand, dem ein Spaziergang als Belastung reicht.

Kann ich den Beckenboden auch ohne „Anspann-Übungen“ kräftigen?

Ohne das gezielte Aktivieren der Muskulatur ist eine Kräftigung des Beckenbodens leider nur schwer zu erreichen. Die Studienlage ist hier sehr eindeutig und belegt klar, dass Training sinnvoll und wirksam ist.

Die Frage, welcher Sport den Beckenboden einfach nebenbei kräftigt, eben ohne das gezielte Anspannen der Muskulatur, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen in der Therapie. Die Studienlage dazu ist interessant, wenn man sie sich genauer ansieht.

Studie: Reiten stärkt den Beckenboden

2014 wurde eine Studie veröffentlicht, die untersucht hat, ob sich Reiten positiv auf die Beckenbodenkraft auswirkt. (Carboni et al. 2014) Die Studie war mit 12 Teilnehmerinnen sehr klein, es gab keine Kontrollgruppe. Alle Teilnehmerinnen hatte keine Inkontinenz oder Organsenkung, es sollte nur getestet werden, ob Reiten als präventive Maßnahme einsetzbar wäre. Bei allen Frauen zeigte sich am Ende der Maßnahme eine Verbesserung der Beckenbodenkraft.

Die Studienteilnehmerinnen hatten 12 Wochen lang einmal in der Woche für 30 Minuten Training. Im Training wurde die Basistechniken für das Reiten geübt und zusätzlich gezielte Beckenbodenübungen gemacht (Kegel-Übungen).

Da es keine Kontrollgruppe gab, ist nicht klar, wieviel Einfluss das Reiten und wieviel die gezielten Übungen auf die Verbesserung der Kraft hatten.

Studie: Rumba tanzen kräftigt den Beckenboden

Eine kleine Studie von 2022 aus China hat untersucht, ob Rumba tanzen in Kombination mit Atemübungen den Beckenboden kräftigt und Inkontinenzsymptome verbessert. (Tang et al. 2022) Das Fazit der Autoren war sehr positiv! Tanzen anstatt Anspann-Übungen klingt vielversprechend!

Es lohnt sich aber, diese Studie genauer zu betrachten. Die Übungs- und Kontrollgruppe war mit 15 Teilnehmerinnen relativ klein. Alle Teilnehmerinnen hatten eine leichte bis moderate Belastungsinkontinenz, waren sportlich wenig aktiv und hatten die Menopause bereits hinter sich. 16 Wochen lang fand 3 x pro Woche ein 90-minütiges Training statt. In dieser Zeit wurde für 60 Minuten Rumba beigebracht und getanzt, mit Fokus auf aufrechter, aktiver Haltung und guter Atmung. Davor wurden Atemübungen gemacht. 10 Minuten lang gezielte Bauchatmung und 10 Minuten lang forcierte Bauchatmung mit gezielter Aktivierung des Beckenbodens in der Ausatmung für jeweils 5 Sekunden.

Was also erstmal klingt, als ob auch ohne Beckenbodentraining, allein durch tanzen, eine gute Kräftigung stattgefunden hätte, zeigt bei genauerer Betrachtung, dass vor dem Tanzen der Beckenboden regelmäßig und intensiv aktiviert wurde – was einer Kräftigungsübung entspricht.

Interessant wäre es gewesen, wenn es neben der Kontrollgruppe, die gar nichts gemacht hatte, eine weitere Kontrollgruppe gegeben hätte, die nur die Atemübungen mit und ohne Beckenbodenaktivierung gemacht hätte.

Reagieren ein gesunder und ein geschwächter Beckenboden gleich?

Wie ein gesunder Beckenboden reagiert, wird oftmals übertragen auf das, was einen geschwächten Beckenboden kräftigen soll. Warum das nicht gut funktioniert, möchte ich gerne erklären.

Dissertation von Prof. Dr. Birgit Schulte-Frei

Eine der Arbeiten, die immer wieder zitiert werden, um zu zeigen, dass der Beckenboden allein durch bestimmte Übungen gut aktiviert und gekräftigt werden kann, ist diese. (Schulte-Frei, 2007) Es ist eine wirklich tolle Arbeit und es lohnt sich, sie genauer zu betrachten.

In dieser Arbeit wurden verschiedene Dinge untersucht und betrachtet. Zum einen wurde bei einer Gruppe von gesunden Frauen getestet, wie die Beckenbodenmuskulatur und einige andere Muskelgruppen der Beine und des Rumpfes bei Belastung reagieren. Dafür mussten die Probandinnen eine Reihe verschiedenster Bewegungen und Übungen ausführen. Diese Gruppe aus 35 Probandinnen bestand zur Hälfte aus Sportstudentinnen und Physiotherapeutinnen.

Ergebnis: Ja, der Beckenboden reagiert automatisch mit höherer Aktivität auf erhöhte Belastung! Im Stand hat er eine höhere Aktivität als im Liegen und im 1-Bein-Stand eine noch höhere. Besonders hoch wird die Muskelaktivität beim Schwingen (nicht Springen!) auf dem Trampolin in Verbindung mit der bewussten Anspannung der Beckenbodenmuskulatur.

Ist das überraschend? Nein. Es zeigt allerdings sehr gut, was die Aufgabe der Beckenbodenmuskulatur im Alltag ist: sich automatisch an die Belastung des Körpers und Druckerhöhung im Bauchraum anzupassen.

Ein weiterer Teil der Arbeit untersuchte die Beckenbodenaktivität bei 67 Patientinnen, also bei Frauen, die unter einer Belastungsinkontinenz litten. Zwei Drittel der Probandinnen waren zwischen 50 und 69 Jahre alt und damit war diese Gruppe deutlich älter als die der gesunden Frauen und hatte im Durchschnitt auch mehr Kinder geboren.

In der Gruppe der Patientinnen zeigte sich in den Untersuchungen nicht nur eine deutlich geringere Kraft der Beckenbodenmuskulatur im Vergleich zur Gruppe der Gesunden, die Kraftwerte waren im Stand sogar geringer als im Liegen. Schnellkraft, Kraftausdauer und Ansteuerung des Beckenbodens waren ebenfalls deutlich geringer.

Eine automatische Erhöhung der Aktivität ist hier in vielen Fällen für die Muskulatur nicht möglich, so dass sich die Reaktion des Beckenbodens bei Belastung deutlich von der bei Gesunden unterscheidet und nicht für Übungen übertragen lässt.

Fazit

Ja, wir wollen vielseitiges, abwechslungsreiches, sich steigerndes und auf die individuellen Ziele angepasstes Beckenbodentraining!

Dafür braucht es aber in jedem Fall zuerst eine gute Basis. Und diese lässt sich durch gezielte Übungen, wie weiter oben beschrieben, erreichen. Dann muss die Beckenbodenaktivierung natürlich in Alltag und Sport integriert werden. Aber eben erst dann, wenn die Basis vorhanden ist.

Auf die Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeut*innen sind auf der Therapeutenliste der AG GGUP unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste zu finden.

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

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Beckenbodentraining – ein Leben lang?

Dass Beckenbodentraining bei Senkungsbeschwerden und Inkontinenz hilft, ist unbestritten. Zahlreiche Studien haben dies in den letzten Jahrzehnten immer wieder bestätigt.

Wichtig für den Erfolg ist eine gute Anleitung und ein gut aufgebautes und abgestimmtes Trainingsprogramm. Auf die Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeut*innen können ein individuell auf die Bedürfnisse von Betroffenen ausgerichtetes Trainingsprogramm erarbeiten, das auch Übungen zur besseren Wahrnehmung und Entspannungsfähigkeit sowie Tipps für den Alltag beinhalten kann – je nach Bedarf eben.

Und wie lange muss ich die Übungen machen? Für immer?

Eine häufig gestellte Frage ist, ob die Übungen dann ein Leben lang gemacht werden müssen. Wie so oft, lässt sich diese Frage nicht so einfach beantworten. Meine kurze Antwort lautet: „Es kommt darauf an.“

Wie lange dauert Kräftigung?

Kraftaufbau setzt bei allen Muskeln voraus, dass mit ausreichender Intensität und Häufigkeit trainiert wird und die Übungen immer wieder angepasst und gesteigert werden. Das gilt im Fitness-Studio genauso wie für den Beckenboden. Niemand erwartet nach 3 Wochen im Gym bereits deutlich mehr Muskeln zu sehen. Was für den Bizeps Zeit braucht, ist auch für den Beckenboden nicht so schnell zu erreichen.

Wer mit Training beginnt, spürt oft bereits in den ersten Wochen Veränderungen – die trainierte Muskulatur arbeitet effektiver, die Koordination wird besser und auch die Wahrnehmung für den trainierten Bereich. Das alles führt dazu, dass sich etwas positiv entwickelt. Doch mehr Muskelmasse entsteht so schnell noch nicht. Kraftaufbau auch im Sinne einer Muskelhypertrophie braucht mindestens 3 – 5 Monate, in denen regelmäßig und intensiv genug trainiert wird.

Wann ist der Beckenboden wieder fit?

Die richtigen Übungen, die mit der passenden Intensität, regelmäßig und häufig genug ausgeführt werden, um einen Kraftzuwachs zu erreichen, sind nur ein Teil dessen, was es braucht, um das Ziel eines fitten Beckenbodens zu erreichen. Der Beckenboden muss zudem lernen, auch im Alltag wieder seine Aufgaben zu erfüllen. Er muss lernen, bei Belastung wieder automatisch aktiv zu werden – immer angepasst an die Höhe der Belastung und des intraabdominellen Druckes, der dabei entsteht. Das braucht Zeit!

Wie lange es dauert, bis der Beckenboden wieder ausreichend Kraft aufgebaut hat, hängt natürlich auch damit zusammen, wie viel – oder wenig – Kraft er zu Beginn hatte und wie fit er wieder werden soll. Außerdem kommt es auch darauf an, ob es das Ziel ist wieder ohne Probleme Husten und Niesen zu können und einen Spaziergang zu bewältigen oder ob Joggen, Trampolinspringen und Crossfit wieder möglich sein sollen.

Als Minimum muss deshalb ein halbes Jahr Trainingszeit eingerechnet werden, aber es kann auch deutlich länger dauern, die eigenen Ziele zu erreichen.

Woran erkenne ich, dass mein Beckenboden wieder fit ist?

Dafür können verschiedene Dinge beobachtet und getestet werden. Zum einen ist es hilfreich immer wieder selbst zu ertasten, wie deutlich vaginal eine Beckenbodenanspannung spürbar ist und wie lange diese gehalten werden kann. Wer bereits zu Beginn des Trainings vaginal tastet und dabei den Beckenboden aktiviert, kann dann durch regelmäßiges erneutes Tasten spüren und vergleichen, ob sich etwas verändert hat.

Symptome, wie z.B. Urinverlust beim Husten, bzw. Niesen oder auch ein Druck- und Schweregefühl bei langem Stehen oder schwerem Heben, sollten sich mit besserer Beckenbodenaktivität Stück für Stück verringern. Außerdem kann es hilfreich sein, Symptome in Alltags- und Belastungssituationen zu beobachten, um Veränderungen wahrzunehmen.

Ebenfalls hilfreich ist es, zu beobachten, wie sich der Beckenboden bei Anstrengung und Belastung verhält. Ein gesunder Beckenboden reagiert automatisch auf Belastung, ein geschwächter Beckenboden kann das oftmals nicht, was dann eben zu Symptomen wie Urinverlust oder Senkungsbeschwerden führt. Wenn der Beckenboden zu Beginn der Therapie also z.B. beim schweren Heben oder Bergabgehen spürbar nicht aktiv ist, sondern Druck nach unten wahrnehmbar ist, dann ist es das Ziel, dass er irgendwann bei solchen Belastungen wieder von selbst die nötige Aktivität aufbaut.

Kann ich dann mit den Übungen einfach aufhören?

Wenn der Beckenboden wieder eine gute Kraft aufgebaut hat, keinerlei Symptome mehr vorhanden sind und er auch im Alltag jederzeit wieder automatisch und angepasst an die Belastung aktiv ist, dann ist das Ziel der Therapie erreicht. Einfach von heute auf morgen komplett mit den Übungen aufzuhören, ist dennoch nicht ideal.

Empfehlenswert ist es, das Training erstmal von täglich auf 2-3 x pro Woche zu reduzieren und zu beobachten, ob die Belastbarkeit trotzdem erhalten bleibt.

Langfristig kann es dann ausreichen, im Alltag Überlastungen zu vermeiden und bei größeren Belastungen gut zu beobachten, ob der Beckenboden alleine zurecht kommt oder doch eine bewusste Aktivierung zur Unterstützung sinnvoll ist.

Wird der Beckenboden in jedem Fall wieder richtig fit?

Leider muss ich diese Frage mit nein beantworten. Wenn die Ursache der Beschwerden nur eine vorübergehende Schwächung der Muskulatur war, dann kann die Therapie tatsächlich irgendwann abgeschlossen sein.

Wenn den Beschwerden allerdings Verletzungen der Beckenbodenmuskulatur, der Bandstrukturen, die die Organe stabilisieren, zugrunde liegen, wenn bereits eine deutlich Senkung der Organe vorliegt oder andere Erkrankungen ursächlich sind, dann kann es sein, dass es tatsächlich nötig ist, ein Leben lang den Beckenboden aktiv zu unterstützen. Eine Besserung der Symptome und ein Kraftzuwachs sind trotzdem möglich, aber nicht in jedem Fall ist das ausreichend, um die Übungen überflüssig zu machen.

Zusätzlich Maßnahmen, wie z.B. eine Pessartherapie, Elektrostimulation und/oder Biofeedback können je nach Beschwerdebild sinnvoll sein und sollten sowohl ärztlich als auch therapeutisch besprochen werden.

Eine ärztlich Abklärung ist bei Problemen im Bereich des Beckens und Beckenbodens in jedem Fall sinnvoll. Dann kann die passende Therapie gewählt werden und mit etwas Zeit und Geduld bessern sich dann in den meisten Fällen auch die Beschwerden.

http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Physio Pelvica Therapeutin

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Sport in der Schwangerschaft?

Bewegung ist immer gut für uns, auch in der Schwangerschaft. Aber welcher Sport und wie viel davon ist in dieser Zeit sinnvoll?
Viele Schwangere sind unsicher, wie sehr sie sich in der Schwangerschaft belasten dürfen und haben Angst sich und vor allem ihr ungeborenes Kind zu gefährden.
Pauschal lässt sich nicht sagen, was gut und was zu viel ist. Wie immer heißt es auch hier: „Es kommt darauf an.“

Beginn der Schwangerschaft

Zu Beginn einer Schwangerschaft leiden viele Frauen unter Übelkeit und Kreislaufbeschwerden. Außerdem sind viele Frauen anfangs besonders vorsichtig, aus Angst das Baby zu verlieren. Gerade wer schon einmal einen Abgang hatte, will natürlich nichts riskieren.
Leichte Bewegung, wie bei Spaziergängen und sanfter Gymnastik oder leichtes Yoga, kann den Kreislauf unterstützen und Symptome lindern. Durch normale bis mäßige Belastung ist keine Gefahr für die Schwangerschaft zu befürchten. Im Alltag ist die Belastung häufig sogar höher.
Wichtig ist, dass die Bewegung als angenehm empfunden wird.
Und wer zu Beginn der Schwangerschaft eher Entspannung und Ruhe braucht, sollte sich diese gönnen, ohne schlechtes Gewissen.

Wenn die Anfangsbeschwerden nachgelassen haben

Im mittleren Schwangerschaftsdrittel fühlen sich viele Schwangere besonders wohl. Die anfänglichen Beschwerden sind bei den meisten Frauen verschwunden und der Bauch ist noch nicht so groß, dass er die Bewegung übermäßig einschränkt.
Wer immer schon Sport gemacht hat, kann in der Schwangerschaft, mit ein paar Einschränkungen, einfach weitermachen.
Wer bisher wenig oder keinen Sport gemacht hat, kann gemächlich beginnen oder einfach häufiger Spazieren, Radfahren oder Schwimmen gehen.

Was ist zu beachten?

Das Wichtigste ist, dass jede Schwangere sich beim Sport und hinterher wohl fühlt.
Wer unter Blutungen, Präeklampsie, Zervixinsuffizienz oder anderen Komplikationen leidet oder Mehrlinge erwartet, sollte ärztlich abklären, welche Aktivitäten in Ordnung sind.
Ein paar Sportarten sind während einer Schwangerschaft nicht empfehlenswert, weil sie gefährlich sein können.
Dazu zählen Tauchen, Wandern über 2500m, Kontaktsportarten, Sportarten bei denen man von einem Ball getroffen werden kann, Sport bei großer Hitze und Sportarten mit hohem Sturzrisiko.
Außerdem ist zu beachten, dass durch die veränderte Hormonlage alle Bänder im Körper etwas weicher sind und damit die Gelenke ein bisschen weniger stabil sind.

Joggen stellt eine große Belastung für den Beckenboden dar und gilt deshalb bei Problemen in diesem Bereich nicht als empfehlenswert. Das heißt jedoch nicht, dass Joggen in der Schwangerschaft verboten ist. Individuell sollte jede Frau schauen, ob es für sie die passende Sportart ist.
Wer immer schon gerne Joggen gegangen ist, kann das weiterhin tun, zumindest, wenn es keine Probleme macht. Im Laufe der Zeit kann es sein, dass ein Wechsel auf andere Sportarten, wie Walken oder Schwimmen, besser ist.
Eine Schwangerschaft ist allerdings sicher nicht die richtige Zeit, um mit dem Joggen zu beginnen.

Auch Krafttraining mit mäßiger Belastung ist in der Schwangerschaft erlaubt, besonders, wenn vor der Schwangerschaft bereits Krafttraining gemacht wurde. Mit der Zeit ist es jedoch sinnvoll, die Gewichte zu reduzieren und das Training eher mit dem Ziel einer guten Ausdauerkraft zu gestalten. So kann mit guter Beckenbodenwahrnehmung und guter Rumpfstabilisation weiter trainiert werden.

Wenn die Geburt näher rückt

Grundsätzlich ist Bewegung auch im letzten Drittel der Schwangerschaft wichtig, die meisten Frauen lassen es dann aber Stück für Stück ruhiger angehen. Der Körper leistet in dieser Zeit auch ohne Sport Großes.

Muss es denn wirklich Sport sein?

Nein. Sport im Sinne von auspowern muss es nicht sein.
Die Studienlage für Sport ist zwar sehr positiv, aber nicht jede Frau macht gerne Sport und muss sich nicht genötigt fühlen, gerade in der Schwangerschaft damit anzufangen.

Was aber auf jeden Fall wichtig ist, ist Bewegung.
Regelmäßige Spaziergänge wirken sich auch schon positiv auf Schwangerschaftsbeschwerden und Geburt aus. Besonders alles, was die Ausdauer verbessert, ist gut, denn Ausdauer ist für die Geburt wichtig. Ebenso wichtig ist eine möglichst gute Beweglichkeit im Bereich von Wirbelsäule, Becken und Hüftgelenken, um den Weg des Kindes durch das Becken gut unterstützen zu können. Yoga für Schwangere kann hier eine schöne zusätzliche Möglichkeit darstellen.

Einen Geburtsvorbereitungskurs zu besuchen, würde ich jeder Frau empfehlen und wenn dabei auch der Beckenboden bereits eine Rolle spielt, umso besser. Also am besten nach Kursen bei speziell fortgebildeten Hebammen oder Physiotherapeutinnen suchen.

Funktionelles Beckenbodentraining ist bereits in der Schwangerschaft sinnvoll und hilfreich, auch wenn die Entspannung des Beckenbodens, besonders zum Ende der Schwangerschaft hin, vielleicht noch wichtiger ist.
Das eine schließt das andere jedoch nicht aus, im Gegenteil sind eine gute Wahrnehmung, Kraft und Kontrolle über die Beckenbodenmuskulatur Teil jedes guten funktionellen Beckenbodentrainings und in jedem Fall hilfreich für eine bessere Stabilität während der Schwangerschaft, für die Geburt und für die Zeit danach, wenn der Beckenboden wieder Kraft aufbauen soll.

Wer schon vor oder während einer Schwangerschaft seinen Beckenboden kennenlernen konnte, wird sich in der Rückbildungszeit ebenfalls leichter damit tun, ihn wieder in eine gute Funktion zu bekommen. Viele Frauen berichten, dass sie sich vorher überhaupt nicht mit ihrem Beckenboden beschäftigt hatten und ihnen nun nach der Geburt der Vergleich fehlt, wie kräftig und aktiv er vorher war.

Sollten größere Probleme bestehen, egal ob in der Schwangerschaft, danach oder zu jeder anderen Zeit im Leben, sollten diese auf jeden Fall ärztlich abgeklärt werden. Physiotherapie bei spezialisierten Physiotherapeut*innen kann in vielen Fällen hilfreich sein. (Eine Therapeutenliste findet ihr unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste.)

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Physio Pelvica Therapeutin

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Hula Hoop – voll im Trend! Aber taugt es wirklich als Fitnesstraining und ist es nun gut oder schlecht für den Beckenboden?

Als ich Kind war, war Hula Hoop auch gerade ‚in‘. in meiner Erinnerung haben wir stundenlang die Reifen um unsere Hüften kreisen lassen. Und je bunter die Reifen waren desto cooler. Am aller schönsten fand ich Reifen, die mit Wasser und Glitzer gefüllt waren. Und auch noch früher gab es wohl bereits eine heiße Hula Hoop-Phase, bei der jung und alt mitmachten. Die ganz frühen Reifen waren wohl eher denen ähnlich, die wir alle aus der Schule kennen, nämlich aus Holz.

Die neuen Reifen sind jedoch ganz anders, in erster Linie, weil sie viel schwerer sind. Zwischen 800 g und 3 kg ist alles erhältlich. Wobei es auch die leichteren ‚Tanzreifen‘ nach wie vor gibt, die höchstens auf 300 g kommen. Mit den schwereren Reifen will man sich auch nicht einfach nur bewegen und Spaß haben, sondern ein richtiges Fitnesstraining absolvieren und dabei abnehmen. Deshalb haben die Reifen oft Noppen oder Wellen, um die Durchblutung am Bauch besonders intensiv anzuregen.

Instagram und YouTube sind mittlerweile voll mit Videos über das ‚Hoopen‘ oder ‚Hullern‘. Da gibt es Videos für Anfänger, die erstmal lernen wollen, wie der Reifen überhaupt oben bleibt. Und natürlich Unmengen an Videos für alle, die den Reifen nicht immer nur einfach kreisen lassen wollen.

Was kann man mit Hula Hoop erreichen?

In der Werbung heißt es, Hula Hoop sei gut, um abzunehmen, eine schmale Taille zu bekommen, gut für die Bauchmuskulatur und einige sagen auch, gut für den Beckenboden. Das macht das Training mit dem Reifen für Frauen und besonders für junge Mütter sehr attraktiv. Gerade nach Schwangerschaft und Geburt wollen viele Frauen möglichst schnell wieder schlank und fit sein. Außerdem macht das Hullern den meisten viel Spaß.

Die Studienlage ist allerdings bisher eher dünn. Eine Studie von 2019 hat untersucht, https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC6758714/ wie sich Hula Hooping mit einem Gewichtsreifen im Vergleich zu Walken auf Bauchfett, Bauchmuskulatur und Blutfettwerte von Teilnehmerinnen mit Übergewicht auswirkt. Eine Gruppe trainierte zuerst für 6 Wochen täglich ca. 13 Minuten mit dem Reifen und machte anschließend für 6 Wochen Walking mit täglich ca. 10.000 Schritten, die andere Gruppe startete mit dem Walken. Der verwendete Reifen wog 1,5 kg. Es ließ sich feststellen, dass es durch das Training mit dem Hula Hoop zu einer stärkeren Reduzierung von Bauchfett kam, als durch das Walken und es außerdem zu einer größeren Zunahme der Rumpfmuskulatur und Abnahme des Taillenumfangs durch das Hullern kam. Walking senkte den Blutdruck nachweislich, während das Hullern das LDL Cholesterin positiv beeinflusste.

Auch diese Studie von 2015 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/25268284/ stellte eine Reduzierung von Bauch- und Hüftumfang durch das Training mit dem Gewichts-Hula Hoop fest.

Eine schmalere Taille und kräftigere Rumpfmuskulatur (d.h. Bauch- und Rückenmuskulatur) sind also tatsächlich und nachweislich durch das Hullern zu erreichen. Abnehmen passiert dabei jedoch nicht automatisch. Zwar ist der Energieverbrauch bei einer halben Stunde Training mit 300 – 500 kcal angegeben, vermutlich abhängig vom Reifen und von der Geschwindigkeit des Kreisens, aber Abnehmen funktioniert nur, wenn man in ein Kaloriendefizit kommt, das heißt, die Ernährung spielt hierbei eine große Rolle und sollte nicht außer Acht gelassen werden.

In Trainingsvideos werden oft Schritte, Squats und Armbewegungen mit dem Hullern kombiniert, wodurch es dann sicher auch zu einer gewissen Kräftigung von Arm- und Beinmuskulatur kommen kann. Die allgemeine Ausdauer wird vermutlich auch etwas trainiert, abhängig von der Dauer und Intensität des Trainings, hierfür sind aber sicherlich Radfahren oder Schwimmen effektiver.

Und was ist mit dem Beckenboden?

Das wurde bisher leider noch nicht genauer untersucht. Das heißt, hier kann ich nur versuchen zu übertragen, was aus anderen Studien bekannt ist und was sich durch meine Erfahrung und die Berichte von anderen Frauen sagen lässt.

Was wir wissen ist, dass der Beckenboden normalerweise automatisch auf Belastung, bzw. auf eine Druckerhöhung im Bauchraum reagiert und entsprechend seine Aktivität anpasst und erhöht. Das muss er den ganzen Tag über in vielen Situationen tun, beim Aufstehen vom Sitzen, Heben und Tragen, Husten und Niesen und natürlich auch beim Sport.

‚Normalerweise‘ heißt allerdings, dass er das nur macht, wenn er fit ist. Wenn eine Beckenbodenschwäche besteht, dann kann er den nötigen Druckausgleich nicht ausreichend gewährleisten und der Druck aus dem Bauchraum schiebt die Beckenorgane und den Beckenboden mehr oder weniger stark nach unten. Das ist nicht in jedem Fall durch Symptome wie Urinverlust oder Druckgefühl spürbar. Wer solche Symptome hat oder weiß, dass eine Schwäche vorhanden ist, sollte also vorsichtiger beim Start des Trainings sein und lieber vorher gezielt den Beckenboden trainieren, bis er dieser Belastung gewachsen ist.

Das bedeutet eben auch, dass Hullern definitiv kein Ersatz für einen Rückbildungskurs ist! Es sollte auch nicht zu früh nach einer Geburt mit dem Hula Hoop gestartet werden. Rückbildung braucht auch dann Zeit, wenn keine offensichtlichen Probleme vorhanden sind, da sich die Bänder der Gebärmutter erst wieder verkürzen und stabilisieren müssen und besonders während der Stillzeit das Bindegewebe insgesamt noch weicher ist.

Es gibt hier allerdings so große Unterschiede zwischen jungen Müttern, dass ich auch nicht sagen kann, dass jede nach 9 Monaten oder einem Jahr bedenkenlos loslegen kann. Wer sich nicht sicher ist, wie fit der Beckenboden ist, sollte das im Idealfall vorher abklären und untersuchen lassen.

Bei einer Geburt mit Kaiserschnitt wird zwar der Beckenboden nicht ganz so belastet wie bei einer vaginalen Geburt, die Belastung durch die Schwangerschaft und die veränderte Hormonlage nach der Geburt bestehen aber genauso. Zudem ist ein Kaiserschnitt ja eine Bauch-OP, bei der die Heilungsphasen unbedingt auch beachtet werden sollten und ebenfalls nicht zu früh mit dem Hula Hoop angefangen werden sollte. Die Rückbildung braucht auch hier Zeit und der Beckenboden kann trotzdem geschwächt sein. Auch die Narbe braucht unter Umständen erst mal ein bisschen Pflege.

Wann ist es okay anzufangen?

Voraussetzung ist, dass man seinen Beckenboden möglichst gut spüren und aktivieren kann und auch keine Senkungsneigung oder Inkontinenz besteht. Bei solchen Beschwerden braucht es eben erst eine gezielte Behandlung und dann muss individuell entschieden werden, ob Hullern gerade der richtige Sport ist.

Wenn eine Schwäche besteht, ist das Hullern nämlich durchaus trotzdem möglich. Nur entsteht dabei eben Druck im Bauchraum, der sich nach unten auswirkt. Für manche Betroffene fühlt sich dieser Druck anfangs vielleicht sogar so an, als wäre der Beckenboden aktiv. Bei einer Schwäche ist meist auch die Wahrnehmung schlechter, so dass sich nicht so leicht Druck von Aktivität unterscheiden lässt.

Was wir auch wissen, ist, dass unser Beckenboden auch nicht mehr ausreichend gut arbeitet, wenn die Belastung für uns zu hoch wird. In vielen Studien an Sportlerinnen wurde festgestellt, dass eine insgesamt hohe Fitness und Kraft nicht bedeuten, dass auch der Beckenboden immer kräftiger wird. Dazu empfehle ich euch meine anderen Beiträge zu diesem Thema zu lesen.

Wenn der Beckenboden fit ist und gut mit Belastungen klar kommt, kann also theoretisch angefangen werden.

Was ist, wenn eine Rektusdiastase vorhanden ist?

Zum Thema Rektusdiastase habe ich bereits einen extra Beitrag geschrieben, kurz möchte ich aber auch hier noch mal darauf eingehen. Eine Rektusdiastase besteht dann, wenn nach der Geburt der Abstand zwischen den beiden geraden Bauchmuskeln mehr als zwei Zentimeter beträgt. Wichtiger als der Abstand ist jedoch, ob die Faszie dahinter bei Aktivität der Bauchmuskulatur Spannung aufbauen kann und/oder ob es zu einem verstärkten Vorwölben des Bauches in diesem Bereich kommt.

Es ist auch möglich zu hullern, ohne die Bauchmuskulatur wirklich anzuspannen und es kommt immer wieder (auch bei anderen Aktivitäten) dazu, dass der Druck aus dem Bauchraum von der Bauchmuskulatur nicht abgefangen wird, sondern der Bauch sich nach vorne schiebt und wölbt. Das kann mit oder ohne Rektusdiastase passieren. Wenn die Bauchmuskulatur nicht optimal aktiviert wird, fehlt auch hier der Druckausgleich, was zum Beispiel auch bei Rückenbeschwerden eine Rolle spielen kann.

Bei einer Rektusdiastase ist Hullern also nicht automatisch hilfreich.

Worauf kommt es an?

Beim Training mit dem Hula Hoop werden die Bauch- und Beckenbodenmuskeln also nicht immer automatisch optimal aktiviert. Das bedeutet, dass man für sich überprüfen sollte, ob die Muskeln gut aktiv sind oder ob sie sich zumindest gut bewusst aktivieren lassen. Bei einer Schwäche ist dann natürlich die nächste Frage, wie lange dieses bewusste Anspannen möglich ist.

Ein guter Stand ist ebenfalls wichtig. Leicht gebeugte Knie, dynamisch aktive Haltung. Entweder in leichter Grätsche oder Schrittstellung. Wer sich für die Schrittstellung entscheidet, sollte diese abwechseln, genau wie im Idealfall nicht immer nur in die selbe Richtung gekreist werden sollte. Zur Anleitung finden sich viele Videos auf YouTube.

Atmen sollte während des Hullerns durchgehend gut möglich sein und auch nach einigen Minuten Training sollte sich der Bauch nicht nach vorne schieben und der Beckenboden weiterhin aktiv sein. Wer gepresst atmet, erzeugt mehr Druck im Bauchraum.

Zusätzlich zum einfachen Kreisen können mit der Zeit verschiedene Dinge ausprobiert werden, wie Kniebeugen, Schritte, Drehungen, Armbewegungen und so weiter. Auch dazu findet man Online viele Anregungen.

Wann sollte man auf das Hullern verzichten?

Kontraindikationen für Hula Hoop gibt es durchaus, wobei im Zweifelsfall individuell entschieden werden muss, ob, wie und ab wann ein Training möglich wäre.

Dass Hullern in der Schwangerschaft nur zu Beginn gemacht werden sollte, erklärt sich vermutlich von selbst und ich kann mir kaum vorstellen, dass es ab dem 2. Trimester noch sonderlich angenehm wäre. Ein Senkungs- oder Druckgefühl im Beckenbodenbereich und Inkontinenz, besonders auch beim Hullern, sind für mich ebenfalls Kontraindikationen und sollten ärztlich abgeklärt und im Idealfall auch gezielt behandelt werden. Auf die Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeut*innen findet man unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste.

Frische Narben, ein Nabelbruch oder Bauchwandhernien und ein frischer Gelenkersatz z.B. in der Hüfte sind weitere Kontras, ebenso wie eine instabile Rektusdiastase.

Bei Rückenschmerzen würde ich ganz klar sagen – es kommt darauf an. Auf die Ursache der Schmerzen, auf das Zusammenspiel der Muskulatur, auf die Ausführung des Hullerns und sicherlich auch darauf, was für ein Reifen verwendet wird, also vor allem, wie schwer er ist.

Wer Medikamente zur Blutverdünnung einnimmt, sollte ebenfalls sehr vorsichtig starten, gerade die Gewichtsreifen können hier Probleme machen. Eine ärztliche Abklärung empfehle ich in diesem Fall unbedingt.

Hämatome kommen häufiger als Folge des Hula Hoop vor und auch Rippenbrüche scheint es hin und wieder zu geben. Eine Osteoporose kann also ebenfalls eine Kontraindikation darstellen.

Was für ein Reifen ist zu empfehlen?

Bitte den Reifen nicht übermotiviert wählen! Lieber einen etwas leichteren wählen und insgesamt, denke ich, reicht ein Gewicht von 1,2 kg für die allermeisten völlig aus. Reifen mit Noppen können am Anfang zu blauen Flecken am Bauch führen, auch wenn keine Blutverdünner eingenommen werden, Frauen berichten aber, dass das meist nur beim ersten Mal Hullern passiert. Die empfohlene Reifengröße wird von den Herstellern sehr unterschiedlich angegeben und auch die Trainer*innen auf YouTube sind sich da nicht ganz einig. Oft ist das Training mit einem größeren Reifen einfacher, weil er leichter schwingt, genau wie ein Reifen mit etwas Gewicht.

Tanzreifen werden mit einem anderen Ziel verwendet. Hier geht es nicht in erster Linie darum fit und schlank zu werden, auch wenn ich mir vorstellen kann, dass das Training mit dem Tanzreifen ähnliche Effekte hat, wie mit den Gewichtsreifen.

Wenn man Videos sieht, in denen der Hula Hoop auch um die Arme, die Beine, den Hals oder sogar den Po kreist, wenn gleichzeitig mit mehreren Reifen gehoopt wird, dann wird das mit den klassischen, leichteren Tanzreifen gemacht. Hier sind die Möglichkeiten der Verwendung größer und auch dazu gibt es zahlreiche Videos auf YouTube zu finden.

Fazit

Hula Hoop ist ein Trend, der vielen Spaß macht, mit dem man tatsächlich etwas für die Fitness tun kann und der sich postitiv auf die Gesundheit auswirken kann. Es kommt jedoch nicht automatisch zu einer Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur und eine korrekte Aktivierung der Bauchmuskulatur passiert auch nicht immer von alleine. Im Zweifelsfall also Risikofaktoren vorher abklären und bei Bedarf erst gezielt Beckenboden- und Bauchmuskulatur trainieren und aktivieren lernen.

Wenn das alles passt, dann wünsche ich viel Spaß beim Hullern und Hoopen!

Sind noch Fragen offen? Hast du sonst Anmerkungen oder etwas, dass du mir mitteilen möchtest? Dann schreib mir gerne einen Kommentar!

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Was sagen eigentlich Studien dazu Teil 4 – Inkontinenz bei Sportlerinnen

Sport und Inkontinenz, das sind zwei Themen die scheinbar gar nicht zusammenpassen. Und wenn Inkontinenz insgesamt nach wie vor für viele ein Tabuthema ist, dann trifft das im Zusammenhang mit Sport noch viel mehr zu! Leider. Besonders (aber nicht nur) im Leistungssport sind viele Frauen von Harninkontinenz betroffen. Dass im Training auch der Beckenboden beachtet und mit trainiert wird, ist nach wie vor nur selten der Fall, auch wenn es mittlerweile glücklicherweise häufiger zum Thema gemacht wird.

Über die Zusammenhänge zwischen Sport und Beckenboden habe ich in einem früheren Beitrag bereits geschrieben. Nun möchte ich die Studienlage dazu genauer beleuchten. https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/05/12/die-beziehung-zwischen-sport-und-beckenboden-es-ist-kompliziert/

Mehrere Studien haben in den vergangenen Jahren untersucht, wie hoch die Gefahr der Entstehung von Harninkontinenz im Zusammenhang mit verschiedenen Sportarten ist. Für dieses systematische Review von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29552736/ wurden 385 Studien gelesen, von denen 22 den Standards entsprachen und analysiert wurden. Inkontinenz trat bei 10 – 80% der Frauen auf und war hauptsächlich abhängig von der Sportart und von der Trainingsintensität. Je niedriger die Belastung, desto geringer auch tatsächlich die Probleme. Mit 80% fanden sich die höchste Prävalenz bei Trampolinspringerinnen.

Diese Meta-Analyse von 2020 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32774559/ kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass die Stärke der Belastung der jeweiligen Sportart einen großen Einfluss auf die Häufigkeit von Harninkontinenz bei den Sportlerinnen hat, bei Volleyballspielerinnen lag sie bei 75,6%.

2018 kam diese Cross-sectionale Studie bereits zu einem ähnlichen Ergebnis. https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29464810/ Basketball und Handball zeigten hier fast so hohe Quoten wie Volleyball. Die Studie kam zu dem Ergebnis, dass eine Information für Frauen, die gefährdete Sportarten ausüben, und ein präventives Beckenbodentraining für diese Sportlerinnen sinnvoll sei.

Eine Studie von 2019 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30620148 untersuchte ganz speziell die Auswirkungen von Cross Fit auf die Kontinenz von Frauen. Beim Cross Fit geht es um Kraftaufbau, im Gegensatz zu Training im Fitness-Studio wird hier aber Gewichtheben mit Sprüngen, Squats und vielem mehr kombiniert. Die Studie verglich Frauen, die Cross Fit ausübten mit Frauen, die normales Aerobic machten. In der Cross Fit Gruppe kam es bei fast der Hälfte der Teilnehmerinnen zum Auftreten einer Belastungsinkontinenz während des Trainings. Die meiste Belastung und häufigsten Inkontinenzepisoden traten bei Double-Unders (47,7%), Jumping Rope (41,3%) und Box Jumps (28,4%) auf. Frauen, die bereits Kinder geboren hatten, waren noch deutlich häufiger betroffen (auch bei Squats mit und ohne Gewicht) als Frauen, die noch keine Kinder geboren hatten. Die meisten Frauen trafen Vorkehrungen, um Urinverlust zu vermeiden. Sie leerten die Blase vorsichtshalber vor dem Training, trugen schwarze Kleidung und einige aktivierten gezielt den Beckenboden beim Training. In der Aerobic-Gruppe kam es zu keiner Inkontinenz während des Trainings.

Eine andere Studie von 2018 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/29493531 verglich die Kraft der Beckenbodenmuskulatur von Sportlerinnen in belastungsintensiven Sportarten mit der von Frauen, die nur wenig körperliche Aktivität hatten. Die Frauen in beiden Gruppen hatten noch keine Kinder geboren. In der Gruppe der Sportlerinnen bestand bei 61,1% eine Belastungsinkontinenz, die am häufigsten bei starker Belastung im Training auftrat, in der Gruppe der untrainierten Frauen waren es 12,5%. Die Kraft der Beckenbodenmuskulatur war in der Gruppe der trainierten Frauen nur etwas und nicht signifikant höher als in der Kontrollgruppe. Das Wissen um den Beckenboden war bei den Sportlerinnen dafür ebenfalls größer. Das zeigt jedoch, dass es bei sportlicher Betätigung nicht automatisch zu einer Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur kommt, sondern dass diese gezielt trainiert werden muss, um den erhöhten Belastungen standhalten zu können.

Diese Meta-Analyse von 2020 https://search.pedro.org.au/search-results/record-detail/63363 wollte herausfinden, wie nützlich Beckenbodentraining für Sportlerinnen ist. Auch sie fand eine hohe Prävalenz für Harninkontinenz, wiederum abhängig von der Höhe der Belastung der jeweiligen Sportart und immer häufiger als in den Kontrollgruppen. Die generelle Wirksamkeit von Beckenbodentherapie in der Behandlung von Belastungsinkontinenz ist gut belegt, hier war zudem eine noch größere Verbesserung der Beschwerden bei Sportlerinnen im Vergleich zu untrainierten Frauen zu sehen.

Auf die Ergebnisse einer recht neuen Studie von 2020 möchte ich etwas ausführlicher eingehen. https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7959087/ Sie bestätigt die Ergebnisse der bereits vorgestellten Studien und ergänzt sie noch. So wird hier festgestellt, dass es auch im Triathlon häufiger zu Harninkontinenz bei Frauen kommt, obwohl Schwimmen und Radfahren als beckenbodenfreundlich gelten. Es wird davon ausgegangen, dass es in der Kombination und über die Dauer der Belastung zu einem negativen Synergieeffekt kommt. Auch wird angenommen, dass Verbreitung von Inkontinenz bei Frauen allgemein unterschätzt wird, weil sie oftmals nicht berichtet wird. 24% der Frauen, die sich selbst als kontinent bezeichneten, zeigten beim Pad-Test einen Urinverlust. In der Studie wird darauf hingewiesen, wie wichtig der Einfluss des intraabdominellen Druckes und die Reaktion der Beckenboden- und Bauchmuskulatur darauf für die Kontinenz ist. Eine gute Koordination dieser Muskulatur, in Verbindung mit einer guten Atemtechnik und ausreichend Kraft sind notwendig, um Probleme zu verhindern. Auch Östrogenmangel, der nicht nur wechseljahrsbedingt auftritt, sondern auch mit einem sehr niedrigen BMI in Verbindung steht, wie ihn junge Sportlerinnen häufig haben oder wie er bei Magersucht vorkommt, beeinflusst die Kontinenz negativ. Ein weiterer Risikofaktor ist eine übermäßig ausgeprägte Lendenlordose (Hohlkreuz), die oftmals mit unzureichendem Bauchmuskeltraining zu tun hat. In der Gruppe der Cheerleader kommt es interessanterweise häufiger zu Stuhlinkontinenz (26,9%) als zu Harninkontinenz. Die Studienmacher empfehlen gezieltes Beckenbodentraining für Sportlerinnen und als mögliche Unterstützung vaginale Tampons oder Pessare.

Einige Studien gehen davon aus, dass Inkontinenz im Sport noch deutlich weiter verbreitet ist, als die Ergebnisse nahelegen, weil selten darüber gesprochen und es häufig ignoriert wird. Wie viele Frauen aus diesem Grund ihren Sport aufgeben, ist ebenfalls nicht bekannt.

Über das Thema Inkontinenz zu sprechen kann helfen – mit Freundinnen, um generell aufmerksam zu machen und auf Hilfen zu verweisen, mit Ärzt*innen, um selbst baldmöglichst Hilfe zu bekommen. Spezialisierte Physiotherapeut*innen finden sich über die Therapeutenliste der AG GGUP unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste. Auch ich bin über diese Liste zu finden. 😉

Lucia Sollik Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Was sagen eigentlich Studien dazu – Teil 3 – Kräftigung des Beckenbodens

Ob bei Inkontinenz, Organsenkung oder nach einer Geburt – eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur ist häufig eines der Ziele in der Beckenbodentherapie. In den letzten Jahren sind auch hierzu glücklicherweise immer mehr Studien gemacht worden. Die Wirksamkeit ist inzwischen gut belegt, auch wenn sich das scheinbar leider noch nicht bei allen Ärzt*innen herumgesprochen hat. Einige dieser Studien möchte ich hier vorstellen. Beginnen werde ich allerdings mit einer Leitlinie. Leitlinien sollen Ärzte*innen und Therapeut*innen einen Handlungsleitfaden geben, der auf dem aktuellen Wissensstand beruht, so dass es dadurch nicht zwingend notwendig ist, sämtliche Studien zu einem Thema zu kennen. Gute und aktuelle Leitlinien stellen eine enorme Arbeitserleichterung dar, wenn man sich einen Überblick verschaffen möchte.

Die AWMF ist eine Organisation, die medizinische Leitlinien erstellt. Diese sind auf der Homepage der AWMF hier zu finden und für jeden nachzulesen: https://www.awmf.org/awmf-online-das-portal-der-wissenschaftlichen-medizin/awmf-aktuell.html

Zur Belastungsinkontinenz findet sich dort im Moment zwar nur eine etwas ältere Fassung, wir warten seit einiger Zeit auf die Neufassung, aber auch diese ist durchaus aussagefähig. https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-005.html Wer eine kurze aber gute Übersicht haben möchte, kann sich einfach die Kurzfassung ansehen. Dort steht auf Seite 2 unten, dass Patientinnen mit Belastungsinkontinenz die Pessartherapie als Therapieoption angeboten werden sollte. Auf Seite 3 geht es um das Beckenbodentraining, welches absolut empfohlen wird mit Evidenz Grad 1a. Das Training wird sowohl bei jüngeren als auch bei älteren Frauen und auch vor einer Geburt empfohlen. Eine Dauer von drei Monaten steht hier als Empfehlung. Grundlage dieser S2e Leitlinie ist die Evidenz nach aktueller Studienlage.

Diese Studie von Radzimińska et al. 2018 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29844662/) hat in einer systematischen Literaturanalyse mit 2400 Teilnehmerinnen untersucht, wie sich Beckenbodentraining bei Frauen mit Inkontinenz auf die Lebensqualität auswirkt. Es wurde festgestellt, dass das Training effektiv in der Behandlung von Harninkontinenz ist und sich positiv auf die Lebensqualität der Frauen auswirkt, was wichtig für physische, mentale und soziale Funktionen ist. Die Lebensqualität leidet bei Inkontinenzbetroffenen in besonderem Maße und sollte deshalb bei der Veranlassung von Therapie eine wichtige Rolle spielen.

Eine weitere Studie von Dumoulin et al. 2018 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30288727/) hat in einem Cochrane Review untersucht, wie sich Beckenbodentraining im Vergleich zu keiner Behandlung oder einer Scheinbehandlung bei Patientinnen mit Harninkontinenz auswirkt. Zudem sollte untersucht werden, wie die Kosteneffektivität aussieht. Die Autoren kamen zu dem Schluss, dass sich Beckenbodentraining bei allen Formen von Harninkontinenz positiv auswirkt, zur Heilung oder Verbesserung der Symptome führt und die Lebensqualität deutlich verbessert. Die Kosteneffektivität sieht vielversprechend aus, sollte aber weiter untersucht werden. Die Ergebnisse legen nahe, dass das Beckenbodentraining als erste Behandlungsmethode bei Inkontinenz eingesetzt werden sollte.

Ein systematisches Review mit Metaanlalyse von Li et al. 2016 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26407564/) untersuchte den Effekt von Beckenbodentraining bei Senkungsbeschwerden. Insgesamt wurden 13 Einzelstudien mit 2340 Teilnehmerinnen ausgewertet. Es zeigte sich eine deutliche Besserung der Beschwerden, die mit Organsenkungen in Verbindung stehen. Kraft und Ausdauer der Beckenbodenmuskulatur verbesserten sich ebenfalls.

Eine andere Studie aus dem selben Jahr Panman et al. 2026 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/26996291/) untersuchte die Kosteneffektivität und Wirksamkeit von Beckenbodentraining im Vergleich zum beobachtenden Abwarten bei leichter Organsenkung über 2 Jahre hinweg. Die Teilnehmerinnen waren 55 Jahre und älter. Es wurde festgestellt, dass sich in der Trainingsgruppe die Beschwerden deutlich besserten und die Betroffenen auch weniger belastet durch die Organsenkung waren. Zudem sparten sie deutlich an Kosten für Inkontinenzprodukte wie Vorlagen. Die Autoren sprachen sich für eine Therapie auch bei leichter Organsenkung aus, wenn diese Beschwerden verursachten.

2019 versuchte eine Studie (García-Sánchez et al. 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31717291/) herauszufinden, welche Intensität optimal für das Beckenbodentraining bei Harninkontinenz wäre. Hierzu wurde ein breit angelegtes systematisches Review mit Metaanalyse gemacht. Das Ergebnis war, dass es in den bisherigen Studien kein einheitliches Vorgehen gab, es jedoch in jedem Fall zu einer Kräftigung und Besserung von Symptomen kam. Jedoch empfehlen sie für eine größere Effektivität Programme die 6 – 12 Wochen dauern und mindestens 3 x pro Woche für bis zu 45 Minuten ausgeführt werden.

Eine Studie von Hagen et al. 2020 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33289476/) untersuchte an 2 Gruppen mit jeweils ungefähr 230 Teilnehmerinnen den Unterschied zwischen reinem Beckenbodentraining und Beckenbodentraining kombiniert mit Biofeedback für zu Hause. Beide Gruppen erhielten 6 Termine mit Anleitungen und Verhaltenstechniken verteilt über 16 Wochen. In beiden Gruppen verbesserten sich die Symptome ähnlich gut. Ein Vorteil des zusätzlichen Biofeedbacktrainings ließ sich nicht feststellen, auch wenn es gut angenommen und insgesamt zu einem guten Ergebnis geführt hatte. Aber auch diese Studie zeigte, dass das Training in jedem Fall hilfreich ist.

Eine klinische Studie (Marques et al. 2020 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/32703614/) von 2020 stellte fest, dass die Kombination von Beckenbodentraining und Hüftmuskeltraining sich positiv auf den Urinverlust bei Frauen mit Belastungsinkontinenz auswirkte. Es gab jedoch keinen Unterschied zur Kontrollgruppe, die nur Beckenbodentraining ausführte, was Kraftzuwachs und Lebensqualitätsverbesserung anging.

Diese Studie von Jacomo et al. 2020 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/33218562/) untersuchte in einem systematischen Review, ob neben dem Beckenbodentraining, welches als Gold-Standard in der Behandlung von Beckenbodendysfunktionen gilt, auch andere Übungsformen wirksam sind. Pilates, die Paula Methode (die mir bisher unbekannt war) und Hypopressive wurden dazu genauer betrachtet. Das Ergebnis war, dass diese Methoden alleine nicht effektiv sind, den Beckenboden zu kräftigen, sondern nur, wenn sie mit Beckenbodentraining kombiniert sind. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass das Beckenbodentraining weiterhin der Standard sein sollte.

Dazu passend habe ich noch eine Studie von Ruiz de Viñaspre et al. 2018 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29248338/) gefunden, welche die Hypopressive Methode in einem systematischen Review genauer untersuchte. Hypopressive wird zum Beispiel in Spanien häufig auch zur Rückbildung angewendet. Die Evidenz unterstützt keine Empfehlung dieser Methode zur Kräftigung des Beckenbodens, jedoch merkten die Autoren an, dass die Qualität der zur Verfügung stehenden Studien nicht sehr gut war.

Fernandes et al. 2025 (https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/40066950/) untersucht, ob es einen Unterschied in der Behandlung von Inkontinenz gibt zwischen reinem Beckenbodentraining und Beckenbodentraining kombiniert mit Biofeedback. Das Ergebnis war hier, dass es keinen generellen zusätzlichen Nutzen durch das Biofeedback gab. In einigen Fällen ist die Nutzung aber sicherlich hilfreich.

Insgesamt besteht nach Studienlage kein Zweifel, dass ein gezieltes Beckenbodentraining bei Inkontinenz und Senkungsbeschwerden hilfreich ist. Weitere Studien sind natürlich notwendig, besonders auch, um herauszufinden, welche Übungen und welche Form des Trainings besonders effektiv sind. Das heißt, dass auch wir Therapeut*innen nie auslernen, immer wieder gefordert sind unsere Therapie neu zu überdenken und neue Erkenntnisse zu integrieren. Regelmäßige Fortbildung und eben das Lesen von Studien und Leitlinien sind dafür wichtig.

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Was sagen eigentlich Studien dazu – Teil 2 / Männer und Beckenboden

Aktuelle Studien zu lesen kostet zwar viel Zeit, aber es hilft auch dabei, das eigene Vorgehen in der Therapie immer wieder zu reflektieren und weiterzuentwickeln. Dieser Artikel soll einen kleinen Überblick über die Studienlage zur Beckenbodentherapie bei Männern geben.

In den letzten Jahren hat sich die Studienlage für die Beckenbodentherapie glücklicherweise deutlich verbessert. Dank gilt hier den vielen engagierten Physiotherapeut*innen weltweit, die diese Studien zur Beckenbodentherapie machen. Große Konzerne oder Pharmaunternehmen haben logischerweise wenig Interesse an Studien dieser Art, denn mit Physiotherapie lässt sich für sie kein Geld verdienen. Patient*innen weltweit profitieren aber sehr davon, denn die Lebensqualität lässt sich durch gute Therapie oftmals deutlich verbessern.

Männer leiden nur halb so oft unter Symptomen einer Inkontinenz wie Frauen, wobei die Häufigkeit mit dem Alter deutlich steigt. Die Studienlage bei Männern ist zur Zeit allerdings leider noch schlechter als bei Frauen, wird aber von Jahr zu Jahr besser.

Mit dem Beckenboden haben Männer am häufigsten dann zu tun, wenn sie eine Radikale Prostatektomie, also eine Operation zur Entfernung der Prostata wegen eines Tumors hatten. Mittlerweile wird diese Operation häufig mit der roboterassistierten Da Vinci-Methode ausgeführt. Diese Studie von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29540090/ verglich in zwei Gruppen den generellen Effekt von Beckenbodentraining oder keinem Training. Sie gelang zu dem Ergebnis, dass es einen signifikanten Unterschied zwischen beiden Gruppen gab und dass Beckenbodentraining hilfreich und sinnvoll ist.

Dieses systematische Review – eine Auswertung mehrerer einzelner Studien – von 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31814714/ gelangte zum selben Ergebnis. Acht Studien mit insgesamt 1078 Patienten wurden ausgewertet und zeigten alle, dass Beckenbodentraining nach Radikaler Prostatektomie Inkontinenz verringert und zudem die Lebensqualität verbessert.

Und auch dieses systematische Review mit Meta-Analyse von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30137629/ zeigte ein ähnliches Ergebnis. Hier wurden Scheinbehandlungen und Placebos verglichen mit reinem Beckenbodentraining sowie mit Beckenbodentraining in Kombination mit Elektrostimulation oder Biofeedbacktraining. Alle Varianten brachten eine deutliche Verbesserung im Vergleich zu Scheinbehandlung oder Placebo. Eine leichte weitere Verbesserung durch Elektrostimulation scheint gegeben, ein zusätzlicher Effekt durch Biofeedback konnte in dieser Studie nicht eindeutig festgestellt werden.

Eine andere Studie von 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/31729959/ untersuchte, wie sich zwei verschiedene Arten von Beckenbodentrainingsprogrammen, welche 5 Wochen vor Radikaler Prostatektomie starteten, auf die Kontinenz nach der OP auswirkten. Bei dieser Studie ging es nicht darum festzustellen, ob die Therapie sinnvoll ist, da das bereits durch viele Studien, wie ihr bereits gelesen habt, belegt wurde. Die Kontrollgruppe erhielt ein Standardtrainingsprogramm für die Beckenbodenkräftigung, die Interventionsgruppe erhielt ein intensiveres Programm. Die Interventionsgruppe schnitt in allen Bereichen besser ab als die Kontrollgruppe. Die Kombination von Ausdauerübungen und Schnellkraftübungen, plus häufigeres Üben am Tag und üben nur im Stand anstatt im Liegen oder Sitzen scheint laut dieser Studie deutlich effektiver zu sein als das Standardtraining. Die Studienleiter empfehlen einen Beginn der Therapie vor der Operation.

Auch von Stuhlinkontinenz können Männer betroffen sein. Die Daten dazu sind jedoch rar. Diese Studie von 2016 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27881404/ kommt zu dem Schluss, dass eine Stuhlkontinenz bei Männern häufig ist und eine Behandlung zum Beispiel mit Biofeedback hilfreich. Jedoch gehen Männer viel seltener mit solchen Problemen zum Arzt und nutzen Therapieangebote seltener.

Ein weiterer Bereich, beim dem Männern Beckenbodentherapie helfen kann sind Schmerzen im Beckenbodenbereich und sexuelle Dysfunktionen. In diesem Review von 2016 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/27872005/ wurde ein enger Zusammenhang zwischen dem Beckenboden und den genannten Symptomen festgestellt und davon ausgegangen, dass Beckenbodentherapie hierbei hilfreich ist und ein notwendiger Teil für eine bio-neuromuskulär-psychosoziale Herangehensweise in der Therapie von Beckenbodenschmerzen und sexueller Dysfunktion bei Männern.

Den Einfluss von Beckenbodentraining auf eine erektile Dysfunktion oder frühzeitigen Samenerguss untersuchte das folgende systematische Review von 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30979506/ , bei dem 10 verschiedene Studien ausgewertet wurden. Sowohl die erektile Dysfunktion als auch der frühzeitige Samenerguss lassen sich durch Beckenbodentraining positiv beeinflussen. Welches Vorgehen in der Behandlung das beste ist, ließ sich bisher anhand dieser Studien jedoch nicht feststellen.

Mehr frei zugängliche Studien zu diesem Thema aus den letzten Jahren konnte ich nicht finden, die Ergebnisse sind allerdings so homogen, dass sie eindeutig für ein Beckenbodentraining sprechen. Wer Probleme mit Inkontinenz jeglicher Form, mit Schmerzen oder sexuellen Dysfunktionen hat, sollte in jedem Fall zuerst ärztliche Hilfe suchen. In vielen Fällen ist dann Physiotherapie eine gute Behandlungsmöglichkeit. Spezialisierte Physiotherapeut*innen sind unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste zu finden.

Lucia Sollik Physiotherapeutin Beckenbodentherapie

Meinen Artikel zum Thema Männer und Beckenboden mit weiteren Infos findest du hier: https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/02/04/maenner-und-beckenboden/

Für alle, die es genauer wissen wollen oder ‚Was sagen eigentlich Studien dazu‘ – Teil 1 / Geburtsverletzungen

In meinen Blog-Artikeln habe ich mir bisher die Freiheit genommen, keine Quellen für meine Aussagen anzugeben. Das liegt zum einen daran, dass ein Blog ganz klar eine persönliche Meinung, beruhend auf der Erfahrung und dem Wissen der Schreibenden widerspiegelt, zum anderen daran, dass es Zeit und Mühe kostet, die entsprechenden Studien zusammenzutragen. Das will ich nun aber, Stück für Stück, nachholen.

Die Artikel zum Thema Geburtsverletzungen waren meine ersten und mit Studien dazu möchte ich auch diesmal beginnen. Hier zuerst nochmal der direkte Link zu den Blog-Artikeln:

https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/01/30/geburtsverletzungen/

https://beckenbodenphysiotherapielucyreport.news.blog/2020/01/31/geburtsverletzungen-teil-2/

Ihr bekommt nun kurze Zusammenfassungen verschiedener Studien rund um das Thema Geburtsverletzungen. In den letzten Jahren hat sich die Studienlage glücklicherweise immer weiter verbessert. Die ausgewählten Studien sind alle relativ neu, es gibt aber sicherlich noch viele weitere Studien dazu.

In dieser Studie von 2018 https://link.springer.com/article/10.1007/s00192-018-3616-4 wurde untersucht, wie sich eine Geburt noch 20 Jahre später auswirkt. Es wurde dabei festgestellt, dass die erste vaginale Geburt für eine Frau das größte Risiko für eine Avulsion, also eine Verletzung des Levator ani (welcher einen großen Teil der Beckenbodenmuskulatur darstellt) oder eine Verletzung des äußeren analen Schließmuskels, birgt. Weitere Geburten haben selten zu weiteren Verletzungen geführt.

Eine andere Studie von 2020 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30272594/ hat untersucht, wie sich eine Levator-Avulsion 5 – 15 Jahre nach der Geburt auf verschiedene Faktoren auswirkt. Verglichen wurde mit Frauen, die eine vaginale Geburt ohne Verletzung hatten. Untersucht wurde mittels Beckenbodenultraschall. In dieser Studie hatten 15% der teilnehmenden Frauen eine Avulsion. Die Verwendung einer Geburtszange führte zu einer deutlich erhöhten Rate von Verletzungen. Frauen mit einer Avulsion hatten einen weiteren genitalen Hiatus (mehr Weite im Scheidenbereich) und einen deutlich schwächeren Beckenboden.

Auch diese Studie von 2019 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30285979/ untersuchte die Folgen einer vaginalen Geburt. Die Teilnehmerinnen wurden 6 – 17 Jahre nach der Geburt untersucht. Ungefähr 10 – 30 % der Frauen erleiden bei der vaginalen Geburt eine Levator-ani-Avulsion, verglichen wurde wieder mit Frauen, die keine Verletzung erlitten hatten. Ziel der Studie war es herauszufinden, welche weiteren Folgen eine Avulsion hat. Auch in dieser Studie wurde festgestellt, dass 15% der Teilnehmerinnen eine Avulsion hatten, der Einsatz einer Geburtszange führte zu einer größeren Häufigkeit einer Verletzung. Es wurde außerdem festgestellt, dass bei einer Avulsion signifikant häufiger eine Organsenkung vorkommt als ohne. Weitere Beckenbodendysfunktionen, wie Urin- oder Stuhlinkontinenz waren in dieser Studie nur wenig häufiger zu finden als in der Vergleichsgruppe.

Diese Studie von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/29749657/ untersuchte, wie sich der Kristeller-Handgriff, also der Druck auf den Bauch mit Schub nach unten während der letzten Geburtsphase, auf die Häufigkeit von Beckenbodenverletzungen auswirkt. Der Kristeller-Handgriff wird angewendet, um die Geburt zu beschleunigen. In der Studie wurden Frauen direkt nach der ersten Geburt untersucht. In der Vergleichsgruppe waren Frauen, die ebenfalls ihr erstes Kind geboren hatten, jedoch ohne Einsatz des Kristeller. Bei Einsatz des Handgriffes war die Häufigkeit einer Avulsion deutlich erhöht. Es sollte also gut überlegt werden, in welchen Fällen er zum Einsatz kommen sollte.

In Schweden wurde 2019 eine Studie https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30799061/ veröffentlicht, in der verglichen wurde, wie häufig es zu Stuhlinkontinenz nach vaginaler Geburt oder Kaiserschnitt kommt. In dieser Studie wurden die Gesundheitsdaten von 3 755 110 Frauen, die in der Zeit zwischen 1973 und 2015 geboren hatten inkludiert. Verglichen wurde mit Frauen, die keine Kinder geboren hatten. In der Gruppe nach Kaiserschnitt litten 22% der Frauen unter Stuhlinkontinenz, in der Gruppe nach vaginaler Geburt 37%. Die vaginale Geburt stellte den größten Risikofaktor für die Entstehung einer Stuhlinkontinenz dar. Weitere Risikofaktoren waren hohes Alter der Mutter, hohes Geburtsgewicht des Kindes und die Verwendung von Geburtsinstrumenten. In der Gruppe nach Kaiserschnitt war der einzige Risikofaktor das Alter der Mutter.

Eine weitere Studie von 2018 https://pubmed.ncbi.nlm.nih.gov/30561480/ untersuchte die Auswirkungen verschiedener Geburtsmodi. Die Teilnehmerinnen hatten ihre Kinder 5 – 10 Jahre vor Beginn der Studie geboren und wurden bis zu 9 Jahre lang begleitet. Die Frauen wurden in drei Gruppen eingeteilt: Kaiserschnittgeburt, vaginale Spontangeburt und vaginale Geburt mit Einsatz von Geburtszange oder Saugglocke. Bei spontaner vaginaler Geburt litten nach erster Geburt 34,3 % unter Belastungsinkontinenz, 21,8 % unter einer überaktiven Blase (OAB, Drangblase), 30,6 % unter Stuhlinkontinenz und 30 % unter einer Organsenkung. Nach Kaiserschnitt lag die Rate deutlich niedriger, nach vaginaler operativer Geburt (Einsatz von Geburtsinstrumenten) war die Rate deutlich höher. Je weiter der genitale Hiatus (Weite im Scheidenbereich), desto größer die Gefahr einer Organsenkung.

Diese Studie von 2019 https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pubmed/30656361 untersuchte die Verlässlichkeit der Untersuchung einer Organsenkung in Rückenlage. Es wurde durch Kernspinuntersuchung im Stand festgestellt, dass im Stehen eine Organsenkung erheblich deutlicher wird als im Liegen und eine Senkung bei Untersuchung im Liegen häufig unterschätzt wird.

Nachdem diese Studien alle nicht sonderlich positiv klingen, gibt es aber auch gute Nachrichten. In einer Studie von 2020 https://obgyn.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1111/aogs.14010 wurde untersucht, wie sich ein moderates Beckenbodentraining während der Schwangerschaft auf die Häufigkeit einer Harninkontinenz 3 Monate nach der Geburt auswirkt. In der Übungsgruppe litten nach der Geburt 28 % an einer Harninkontinenz, in der Kontrollgruppe 38 %. Bei den Frauen, die bereits während der Schwangerschaft an Harninkontinenz litten waren es nach der Geburt in der Übungsgruppe noch 44 %, in der Kontrollgruppe noch 59 %. Risikofaktoren für eine Harninkontinenz waren das Alter der Mutter, das Geburtsgewicht des Kindes und Verletzungen des Beckenbodens oder analen Schließmuskels. Ein Kaiserschnitt senkte das Risiko einer Harninkontinenz deutlich.

Ein Kaiserschnitt ist trotz allem ein operativer Eingriff, der ebenfalls Gefahren birgt und auch keinesfalls schmerzfrei ist, auch wenn es hier eben mehr die Wundschmerzen wegen des Bauchschnitts sind. Ich möchte also keinesfalls in jedem Fall zu einem Kaiserschnitt raten. Eine gute Geburtsvorbereitung und eine gute Beratung zu individuellen Gefahren und eine Abwägung der jeweiligen Risiken finde ich jedoch für jede Frau empfehlenswert. Und wenn es doch zu Verletzungen und Problemen gekommen ist, egal nach welcher Art von Geburt oder sogar ganz unabhängig davon, dann empfehle ich unbedingt eine ärztliche Abklärung.

Im Dezember 2020 ist eine neue Leitlinie zur Geburt erschienen. Sie heißt ‚Die vaginale Geburt am Termin‘ https://www.awmf.org/leitlinien/detail/ll/015-083.html . Hier steht unter anderem, dass die Rückenlage nicht als Geburtsposition empfohlen wird und der Fundusdruck, oft auch Kristeller genannt, nur im Notfall angewendet werden sollte. Ein routinemäßiger Dammschnitt soll nicht vorgenommen werden, sondern nur wenn er auch indiziert ist. Bei der Leitlinie handelt es sich um eine sogenannte S3 Leitlinie, das heißt mit höchster Evidenz. Sie ist wirklich lesenswert und ich hoffe, dass sie von allen Hebammen und Geburtshelfern gelesen wird.

Es wäre wünschenswert, dass mehr Gynäkolog*innen den Beckenbodenultraschall routinemäßig zur Untersuchung von Geburtsverletzungen nutzen, gezielt fragen, ob Probleme bestehen und bei Bedarf Pessare und Physiotherapie verordnen. Aber nachfragen sollte jede Frau, die bei sich Symptome einer Senkung oder Inkontinenz oder andere Probleme festgestellt hat.

Spezialisierte Physiotherapeut*innen findet ihr unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste.

Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Sexualität als Thema in der Physiotherapie?

Darum und was genau der Beckenboden eigentlich mit Sexualität zu tun hat, geht es in diesem Artikel. Die kurze Antwort auf die 2. Frage lautet: ziemlich viel! Wenn alles funktioniert, ist vielen allerdings gar nicht bewusst, was die Muskulatur des Beckenbodens alles tut, wenn wir Sex haben. Aber nicht nur der Beckenboden ist hierbei wichtig.

Über unsere eigene Sexualität sprechen wir meist nur selten und nur mit wenigen anderen Menschen. Darauf, wie wir uns verhalten und bewegen, wie wir atmen und welche Muskeln wir anspannen, achten die wenigsten von uns beim Geschlechtsverkehr und bei der Masturbation bewusst. Solange alles zur Zufriedenheit aller Beteiligten funktioniert, besteht dazu auch oft kein Anlass. Wenn es allerdings zu Problemen kommt, ist es gut zu wissen, dass es Ansprechpartner*innen gibt, die sich damit auskennen.

Man lernt nie aus

Noch etwas dazu lernen kann, was den eigenen Körper und die Sexualität angeht, wahrscheinlich jeder von uns. Das Buch ‚Make More Love‘ von Ann-Marlene Henning ist (neben weiteren guten Büchern zum Thema) eine Möglichkeit, sich entspannt mit dem Thema zu befassen. Denn so aufgeklärt, wie gemeinhin gedacht, sind viele Menschen leider nicht. Und wer mit seinem eigenen Körper nicht gut klar kommt, nicht weiß, was ihm/ihr gefällt und Hemmungen hat, sich selbst zu berühren, der wird vermutlich auch in der Sexualität mit dem Partner oder der Partnerin Probleme haben. Manche Frauen haben zum Beispiel ihre Vulva noch nie im Spiegel betrachtet und haben Hemmungen einen Vibrator zu benutzen.

Was in der Sexualität als normal oder erstrebenswert gilt, ist schwer zu sagen. Ich denke, wichtig ist in erster Linie, dass jeder selbst und mit seinem Partner oder seiner Partnerin seine Sexualität so lebt, dass es für beide passt. Für manche reicht ein wenig Kuscheln für erfüllte Zweisamkeit, andere brauchen es akrobatischer. Wenn frau ihren Partner allein mit der Kraft ihres Beckenbodens zum Orgasmus bringen kann, ist das beeindruckend, aber glücklicherweise gibt es für alle, die das nicht können, genügend andere Möglichkeiten für ein erfülltes Sexleben.

Doch viele Menschen haben im Laufe ihres Lebens Probleme, die ihre Sexualität betreffen.

Sexualität als Thema bei Physio- und Ergotherapie?

Physiotherapeut*innen und auch Ergotherapeut*innen haben jeden Tag mit Menschen zu tun, die nach Operationen oder durch Erkrankungen Einschränkungen in einer Körperfunktion oder bei einer Tätigkeit haben oder unter Schmerzen leiden. Das beeinflusst natürlich auch, wie sie ihre Sexualität leben können. Wir sind sicherlich nicht diejenigen, die Betroffenen als erstes einfallen, wenn es um Probleme mit der Sexualität geht, aber manchmal sind wir dafür tatsächlich die richtigen Ansprechpartner*innen.

In der Ausbildung kommt dieses Thema leider nur selten zur Sprache und manch Therapeut*in ist es selbst unangenehm darüber zu reden. Das sollte es jedoch nicht, denn Sexualität ist für viele Menschen ein wichtiger Teil des Lebens, wirkt sich auf die Lebensqualität aus und gehört zum Menschsein einfach dazu.

Unter linktr.ee/coitoergosum redet Ergotherapeutin Katja Stolte darüber, dass auch in der Ergotherapie viel mehr über dieses Thema gesprochen werden muss. Und in der Physiotherapie plädiere ich ebenfalls unbedingt dafür.

In der Beckenbodentherapie sprechen wir Sexualität häufiger an, aber auch im Umgang mit Patient*innen zum Beispiel nach Schlaganfall, einer Hüft- oder Wirbelsäulenoperation oder mit Querschnittlähmung ist es wichtig Tipps und Infos geben zu können.

Orthopädie und Neurologie

Bei orthopädischen Patient*innen geht es vor allem darum, Infos über Belastbarkeit und Wundheilung zu geben und Tipps zu Stellungen, die zum Beispiel weniger belastend sind oder weniger Beweglichkeit oder Kraft erfordern. Dazu finden sich im Internet auch Zeichnungen, allerdings sind die Empfehlungen sehr unterschiedlich. Manche Kliniken versorgen ihre Patient*innen sogar routinemäßig mit diesen Informationen. Da die Operationsmethode sich maßgeblich auf die erlaubten Bewegungen auswirkt, sollten Patient*innen am besten direkt ihren Chirurgen oder ihre Chirurgin fragen, ab wann sie welche Stellungen wieder einnehmen dürfen.

Neurologische Patient*innen brauchen ebenfalls oft eine individuelle Beratung, angepasst an ihre jeweiligen Einschränkungen und sollten während der Rehabilitation das Thema unbedingt ansprechen. Verschiedene Stellungen und auch eine Beratung zu Hilfsmitteln sind oftmals hilfreich.

Ärztliche Abklärung

Für die meisten Probleme rund um Becken, Beckenboden, Geschlechtsorgane und Sexualität ist es sinnvoll zuallererst einen Arzt oder eine Ärztin aufzusuchen. Gynäkolog*innen sind für Frauen gute Ansprechpartner, Urolog*innen besonders für Männer und Hausärzt*innen für alle. Bei manchen Problemen sind vielleicht Sexualtherapeut*innen die beste Hilfe bei anderen Psycholog*innen. Wenn abgeklärt ist, wo genau das Problem liegt, kann entsprechend gehandelt werden. Und Hilfe ist in den meisten Fällen möglich!

Nach der Geburt

Durch eine Geburt verändert sich der Körper einer Frau häufig. Nach einer vaginalen Geburt oftmals mehr als nach einem Kaiserschnitt, doch auch durch die Schwangerschaft kann es zu Veränderungen kommen, die sich später auch in der Sexualität bemerkbar machen können.

Nach Abschluss der Wochenbettphase, wenn gynäkologisch das ‚OK‘ für Sex kommt, fühlen sich manche Frauen noch lange nicht wieder bereit für Sex, speziell mit Penetration. (Es gibt ja noch einige andere Möglichkeit die Zweisamkeit, so sie sich mit Baby im Haus denn ergibt, zu genießen.) Wunde Brüste und Schlafmangel sind ein Faktor, die Hormonlage ein weiterer. Doch auch die Wahrnehmung im Bereich von Vulva und Vagina ist oft noch nicht wieder, wie sie vorher war. Bei einer vaginalen Geburt wird der Nervus pudendus, der diesen Bereich und den Beckenboden maßgeblich versorgt, überdehnt. Je nachdem, wie lange die Geburtsphase gedauert hat, kann es unterschiedlich lange dauern, bis sich dieser Nerv und damit die Wahrnehmung wieder erholt haben.

Nach einem Dammriss oder einem Dammschnitt verursacht die Naht manchmal auch nach einigen Monaten noch Beschwerden. Eine Massage der Narbe kann jede Frau gut selbst durchführen und sie hilft dabei, dass das Narbengewebe weicher wird. Bei größeren Problemen am Besten mit dem Gynäkologen oder der Gynäkologin sprechen.

Wenn die Verletzungen durch die Geburt größer sind, zum Beispiel durch einen Dammriss, bei dem der Schließmuskel des After mit betroffen war, wenn die Beckenbodenmuskulatur in der Tiefe verletzt wurde oder sich eine Senkung entwickelt hat, ist Sex für viele Frauen oft für längere Zeit problematisch. Der Grund können Schmerzen im Narbenbereich, Scham wegen des veränderten Aussehens der Vulva, Angst vor Harn- oder Windinkontinenz sein oder die Penetration ist aufgrund einer Senkung schlichtweg unangenehm. In diesen Fällen braucht es einen verständnisvollen Partner und eine gute ärztliche Unterstützung. Physiotherapie kann hier oftmals sehr hilfreich sein. Frauen, die durch eine schwierige Geburt traumatisiert sind, sollten auch psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.

Bei manchen Frauen ist zudem erstmal ein vermehrtes Weitegefühl in der Vagina vorhanden, da sich das Gewebe dort bei der Geburt ebenfalls extrem dehnen musste. Wenn die Beckenbodenmuskulatur zudem geschwächt ist, fehlt beim Geschlechtsverkehr manchmal schlicht der Kontakt und die Reibung. Der, finde ich, etwas unschöne Begriff für dieses Symptom ist ‚Lost Penis Syndrom‘. Er beschreibt, dass der Mann durch die fehlende Enge seinen Penis nicht gut spüren kann und dadurch seine Erektion verlieren kann. Das Problem wirkt sich allerdings auf beide Partner aus, da auch die Frau durch den fehlenden oder reduzierten Kontakt weniger spürt und ein Orgasmus beim Geschlechtsverkehr dadurch stark erschwert oder unmöglich ist. Dieses Problem kann ebenfalls durch eine generelle Schwäche der Beckenbodenmuskulatur und auch im Zuge der Hormonumstellung durch die Wechseljahre auftreten.

Auch bedingt durch die Hormonlage kann sowohl in der Stillzeit als auch durch die Menopause die Scheide trockener sein, da die Schleimhäute auf die Veränderungen reagieren. Durch Beckenbodentraining hat man zwar einen gewissen Einfluss darauf, aber das reicht nicht immer. Ein Gleitgel ist hier auf jeden Fall empfehlenswert. Zudem können in einigen Fällen ein hormonhaltiges Zäpfchen oder eine Salbe helfen. Das sollte natürlich ärztlich abgeklärt werden.

Die beste Maßnahme mit den wenigsten Nebenwirkungen ist aber mit Sicherheit das Beckenbodentraining. Eine gezielte Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur, mit Hilfe eines Rückbildungskurses oder auch in der Einzeltherapie, hilft hier in vielen Fällen gut. Auch in meinen Rückbildungskursen berichten das die Frauen erstaunt immer wieder. Zudem regt das Training die Wahrnehmung und die Durchblutung auch der Schleimhäute an und kann sich positiv auf die Libido auswirken, wie manche Frauen ebenfalls berichten.

Erkrankungen, die die Sexualität beeinträchtigen

Doch es gibt auch ernstere Erkrankungen, die sich negativ auf die Sexualität auswirken. Dazu gehört bei den Männern der Prostata-Krebs, nach dessen operativer Entfernung es nicht nur zu Inkontinenz kommen kann, sondern auch die Erektionsfähigkeit eingeschränkt oder nicht mehr vorhanden sein kann. Bei der Operation ist es manchmal unvermeidlich, dass auch Nervenbahnen verletzt oder entfernt werden müssen. Der Chirurg oder die Chirurgin kann am besten einschätzen, ob und wann nach der OP Sex wieder möglich ist. Wenn die Erektionsfähigkeit ganz oder zumindest teilweise vorhanden ist, sollte aber, nach Abschluss der Wundheilung und Absprache mit dem Operateur / der Operateurin, nicht zu spät mit dem ‚Üben‘ angefangen werden. Die Muskulatur, die für die Schwellkörper im Penis zuständig ist, kann bei zu langer Pause und ohne die normalerweise automatisch auftretenden regelmäßigen Erektionen ihre Kraft verlieren. Es muss ja nicht sofort Geschlechtsverkehr mit Penetration sein. Auch andere Varianten der Zweisamkeit und die Masturbation können gute und entspannte Übungsmöglichkeiten bieten.

Wenn die Erektionsfähigkeit eingeschränkt ist, gibt es verschiedene Hilfsmittel. Dazu gehört zum Beispiel die Penispumpe, die in einigen Fällen ärztlich verordnet werden kann. Auch Viagra oder Ähnliches kann zum Einsatz kommen. Die Beratung übernehmen am besten die behandelnden Urolog*innen.

Vermutlich weiter verbreitet als viele denken, weil es ein großes Tabuthema unter Männern ist, ist die Erektile Dysfunktion, von einigen auch fälschlicherweise als Impotenz bezeichnet. Die ED kann verschiedenste Ursachen haben und sollte unbedingt ärztlich abgeklärt werden. Wenn körperliche Ursachen ausgeschlossen sind und Stress bereits reduziert wurde, kann in einigen Fällen Beckenbodentherapie durch Kräftigung und auch Entspannung der Beckenbodenmuskulatur hilfreich sein. Auch Sexualtherapeut*innen sind hier eine gute Adresse.

Organsenkungen können bei jüngeren und älteren Frauen auftreten und beeinflussen das Sexualleben natürlich ebenfalls. Geschlechtsverkehr kann unangenehm sein und Angst vor Inkontinenz kann die Lust verderben. Ärztliche Abklärung, Physiotherapie und ein Pessar können hier helfen.

Zu viel

Eine zu hohe Spannung in der Beckenbodenmuskulatur ist ebenfalls ein häufiges Problem, das manchmal übersehen wird und bei Männern und Frauen auftritt. Hohe Spannung hat nichts mit großer Kraft zu tun. Im Gegenteil, ein Muskel mit zu hoher Spannung kann seine Kraft oftmals nur schlecht entfalten. Bei zu hohem Tonus ist die Durchblutung schlechter und die Reaktionsfähigkeit ebenso. Entspannungsfähigkeit ist für den Beckenboden mindestens genauso wichtig, wie gute Ansteuerung und Kraft.

In der Behandlung ist hier auch die Atmung ein wichtiges Thema. In meinem Artikel zum Thema Atmung und Beckenboden ist der Zusammenhang genauer erklärt. Und auch in der Sexualität spielt die Atmung eine große Rolle. Luftanhalten oder Spannung aufbauen ohne zwischendurch wieder zu entspannen und Bewegung zuzulassen, kann sich negativ auswirken – auch bei Schmerzen.

Schmerzproblematiken, wie Beckenschmerzen, Vaginismus, Anismus, Interstitielle Cystisit/Bladder Pain Syndrome, Prostatitis, Vulvodynie und weitere gehen häufig mit einer erhöhten Spannung und fehlender Entspannungsfähigkeit einher. Auf das Thema Schmerzen im Beckenbodenbereich und die verschiedenen Erkrankungen werde ich in einem weiteren Artikel ein anderes Mal genauer eingehen, weil das den Rahmen dieses Artikels sprengen würde.

Wer nach auf die Beckenbodentherapie spezialisierten Physiotherapeut*innen sucht, dem empfehle ich wieder einen Blick auf die Therapeutenliste der AG GGUP zu werfen.           http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste

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Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

Brauchen Kinder Beckenbodentherapie?

Es gibt viele Probleme und Erkrankungen, bei denen eine physiotherapeutische Behandlung Kindern helfen kann. Dazu zählen auch Probleme wie Enuresis nocturna, also nächtliches Einnässen, Harn- oder Stuhlinkontinenz, Verstopfung und Ähnliches.

Beim Thema Beckenbodentherapie denken viele zuerst an Kräftigung, doch sie umfasst viel mehr als das! Besonders bei der Behandlung von Kindern ist eine Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur nur selten das Ziel. Meist stehen die Wahrnehmung, das Wissen um die physiologischen Abläufe bei der Blasen- und Darmentleerung, ein gutes Toilettenverhalten und ein gutes Trink- und Essverhalten im Vordergrund.

Normale Entwicklung

Für die meisten Eltern sind die Entwicklungsschritte ihres Kindes spannend zu verfolgen und wichtig. Doch gerade der Vergleich mit anderen Kindern führt oft dazu, dass Eltern unsicher sind, ob sich ihr Kind ’normal‘ entwickelt und ein gewisser Druck vorhanden ist, wenn das Kind nicht zu den ‚Schnellen‘ gehört. Welches Kind in der Krabbelgruppe sich schon dreht, als erstes läuft oder spricht wird teilweise neidisch beobachtet. Dabei ist die Spanne dessen, was in der Kindesentwicklung als normal gilt, sehr weit und eine Entwicklung in diesem Rahmen hat langfristig keinen weiteren Aussagewert. Geht es um das Trockenwerden steigt der Druck auf Eltern und Kind oft nochmals an, gerade als ob es eine besondere Erziehungsleistung sei, wenn das Kind schon frühzeitig auf ein Töpfchen geht oder keine Windel mehr braucht. Doch gerade in diesem Bereich der Entwicklung hängt Vieles von den Genen und von der Wahrnehmung ab. Bis zum Alter von 5 Jahren gilt es als völlig normal, wenn ein Kind noch eine Windel braucht oder es immer wieder zum Einnässen kommt. Da sollte sich auch niemand von anderen Eltern oder dem Kindergarten Druck machen lassen – diese Entwicklung braucht eben einfach Zeit, mal mehr, mal weniger.

Wann braucht es Hilfe?

Auch im Alter von 7 Jahren nässen noch 10 % aller Kinder tagsüber und/oder nachts ein. Die Ursachen dafür können unterschiedlich sein, treten aber oft familiär gehäuft auf, d.h. oft hatte ein Elternteil als Kind das gleiche Problem. Ab dem Alter von 5 Jahren sollte bei noch nicht erreichter Kontinenz mit dem Kinderarzt oder der Kinderärztin gesprochen werden und bei Bedarf ein Spezialist aufgesucht werden. Hierbei geht es erst einmal darum, körperliche Ursachen oder Erkrankungen auszuschließen. Wenn diese ausgeschlossen sind, wird meist weiter abgewartet, ob das Einnässen von alleine vergeht.

Wenn es auf den Schulstart zugeht wird es für viele Eltern, besonders bei der Inkontinenz am Tag, dringlicher sie zu behandeln. Das nächtliche Einnässen ist besonders dann ein Problem, wenn es um das Übernachten bei Freunden oder einen Schulausflug mit Übernachtung geht.

Unterstützung für das Kind

Besonders wenn es um das Thema Inkontinenz, Einnässen und vielleicht sogar Stuhlschmieren oder Stuhlinkontinenz bei Kindern geht, ist es wichtig, dass sich Eltern bei aller Belastung, die für sie dadurch entsteht, bewusst machen, dass Kinder das so gut wie nie absichtlich machen! Vorwürfe und schimpfen helfen nicht, sie erhöhen nur den Druck. Das Kind hat noch nicht die volle Kontrolle über Blase oder Darm und braucht Unterstützung für die Entwicklung dieser Kontrolle. Viele sprechen in diesem Zusammenhang davon, dass das Kind einen ‚Unfall‘ hatte, wenn es Urin verloren hat. Diesen Begriff finde ich nicht so gut, weil er ebenfalls impliziert, das Kind wäre schuld daran und hätte Einfluss darauf, was meist nicht der Fall ist.

Manchen Kindern scheint es nichts auszumachen, wenn sie morgens in einer Pfütze wach werden oder tagsüber die Hose nass wird. Vielleicht ist das ihre Methode damit umzugehen, dass sie (noch) keinen Einfluss darauf haben. Für die Behandlung ist es natürlich hilfreich, wenn das Kind auch selbst möchte, dass die Inkontinenz verschwindet und nicht nur die Eltern das wünschen.

Beeinflussende Faktoren

Neben der bereits erwähnten familiären Häufung können sich auch andere Dinge auf eine Inkontinenzproblematik auswirken. Wenn ein Kind zum Beispiel ADHS oder ADS hat, ist oftmals auch die Körperwahrnehmung anders, was dazu führen kann, dass der Harndrang nicht so gut wahrgenommen wird oder es besonders schwer fällt das Spielen für den Toilettengang zu unterbrechen. Asthma kann sich ebenfalls auswirken, wenn sich eventuell durch die Atemprobleme auch die Spannung im Beckenboden erhöht.

Das häufigste begleitende Problem ist jedoch eine Neigung zu Verstopfung. Viele Kinder neigen zu Verstopfung, was sich stark auf die Blase auswirkt. Viele Kinder trinken zu wenig und/oder essen ungern Gemüse. Besteht ein Problem mit Verstopfung oder festem Stuhl, muss diese in jedem Fall zuerst behandelt werden, bevor das nächtliche Einnässen oder die Harninkontinenz während des Tages erfolgreich behandelt werden können. Ob eine Verstopfung vorliegt, kann am besten durch eine Ultraschalluntersuchung festgestellt werden, denn bei Kindern ist die Verstopfung nicht immer offensichtlich. Manche Kinder entleeren ihren Darm zwar scheinbar regelmäßig, im Darm sind jedoch oft große Kotballen, die Probleme machen.

Um eine ausreichende Trinkmenge zu erreichen, die bei Siebenjährigen bereits bei ungefähr einem Liter liegt, ist es gut, wenn Kinder nicht schlückchenweise trinken, sondern möglichst immer gleich ein Glas Wasser oder verdünnten Saft auf einmal austrinken. (Auch Tee mögen manche Kinder gerne, Früchtetee kann jedoch die Blase reizen, was bei einer Drangproblematik beachtet werden sollte.) Zudem hilft es, wenn klar über den Tag verteilt zu bestimmten Zeiten oder Anlässen getrunken wird, da Wenigtrinker häufig auch wenig Durstgefühl haben. Tagsüber vergessenes Trinken abends nachzuholen ist vor allem bei einer Enuresis eher ungünstig.

Sollte es nicht ausreichen, die Trinkmenge zu erhöhen und die Ernährung ein wenig umzustellen, dann kann mit der Kinderärztin/dem Kinderarzt besprochen werden, welche weiteren individuellen Maßnahmen in diesem Fall sinnvoll sind. Ein Kind sollte im Idealfall täglich Stuhlgang haben. Aber egal ob täglich oder nur alle 2-3 Tage, der Stuhl sollte geformt, aber weich sein. Auch drücken oder pressen sollte zur Darmentleerung nicht notwendig sein.

Toilettenverhalten

Wenn Kinder ‚trocken werden‘, ist die Wahrnehmung für die Füllung von Blase und Darm der erste wichtige Faktor. Dieses Druckgefühl muss dann mit der Entleerung in Verbindung gebracht werden. Bei manchen Kindern passiert das sehr unkompliziert, manche haben beim Spielen im Sommer im Freien ein Aha-Erlebnis oder beim Beobachten oder Wickeln eines Geschwisterkindes, was da passiert. Es gibt auch schöne Kinderbücher zu diesem Thema, die kindgerecht zeigen, was da im Körper so los ist.

Geht es dann darum, auf der großen Toilette Blase oder Darm zu entleeren, ist ein Hocker in Verbindung mit Toilettenaufsatz oder ein Aufsatz mit Treppe optimal, damit das Kind auch gut und entspannt sitzen kann. Entspannung ist für die Entleerung sehr wichtig, weshalb es ungünstig ist mit baumelnden Beinen auf dem Klo zu sitzen. (Probieren Sie das einfach mal aus und spüren Sie, wie Ihre Beckenbodenmuskulatur darauf reagiert.)

Im Alter von 2-3 Jahren, wenn viele Kinder bereits anfangen auf Töpfchen oder Toilette zu gehen, ist ihre Blase noch sehr klein und entsprechend auch schneller voll. 10 Blasenentleerungen pro Tag sind in diesem Alter völlig normal. Das heißt jedoch auch, dass nicht viel Zeit ist, wenn das Kind spürt, dass es muss. Viele Eltern schicken ihr Kind deshalb immer wieder vorsorglich zur Toilette, besonders, wenn sie das Haus verlassen wollen, um eine nasse Hose zu vermeiden. Das ist anfangs verständlich (besonders im Winter, wenn es nicht reicht kurz anzuhalten und das Kind vielleicht auch noch einen Schneeanzug trägt), hilft aber nicht dabei zu lernen, wann die Blase tatsächlich geleert werden will. Kritisch wird es, wenn dieses vorsorgliche Blase entleeren auch noch gefordert wird, wenn das Kind älter wird. Mit jedem Jahr wird das Blasenvolumen normalerweise ja größer und das Kind lernt auch, noch ein wenig aushalten zu können, wenn gerade keine Toilette in der Nähe ist. Dazu muss es aber eben lernen zu spüren, was für Signale die Blase gibt und das wird erschwert, wenn zu oft vorsorglich auf’s Klo gegangen wird.

Spielen ist wichtiger

Ein häufiges Problem tagsüber ist, dass Kinder so in ihr Spiel vertieft sind, dass sie die ersten Signale ihrer Blase nicht wahrnehmen. Sollten sie den Drang dann doch bemerken, wenn er richtig stark wird, schaffen sie es manchmal trotzdem nicht mehr rechtzeitig zur Toilette. Zum einen ist es für sie gefühlt natürlich auch wichtiger weiter zu spielen und lästig das Spiel für den Toilettengang zu unterbrechen, zum anderen schaffen sie es häufig auch noch nicht, die Zeit für den Weg zum Klo einzuplanen.

Manche Kinder neigen dazu, den Toilettengang dann viel zu lange aufzuschieben, was dazu führen kann, dass sich die Spannung in der Muskulatur erhöht und es schwer fällt die Blase ganz zu entleeren. Restharn mit einer erhöhten Gefahr für Harnwegsinfekte können hier die Folge sein.

Auf der Toilette angekommen lassen sich viele Kinder nicht genug Zeit für die Entleerung, was ebenfalls zu Restharn führen kann, oder sie versuchen durch drücken und pressen die Entleerung zu beschleunigen, was wiederum zu einer erhöhten Muskelspannung im Beckenboden führt und der Blase die Arbeit deutlich erschwert. Kinder können während der Entleerung zum Beispiel ein Lied singen, sich ein paar Seiten in einem Buch ansehen oder sich in Ruhe überlegen, was sie als nächstes spielen wollen, um die Zeit auf der Toilette angenehmer zu erleben. Das sollte jedoch wiederum auch nicht dazu führen, länger als ein paar Minuten auf der Toilette zu sitzen. Zeit lassen ist wichtig, aber selbst eine normale Darmentleerung sollte nicht länger als ein paar Minuten dauern.

Drang

Für die einen Kinder liegt das Problem also eher darin den Drang rechtzeitig wahrzunehmen, andere haben ein überhöhtes und zu häufiges Dranggefühl, obwohl die Blase kaum gefüllt ist.

Um herauszufinden, ob sich die Blasenfüllung im Normalbereich befindet, ist als erste Maßnahme ein Blasenprotokoll hilfreich. Also einfach in einen Becher pinkeln lassen und messen. Viele Kinder finden das sogar lustig. Ein fünfjähriges Kind sollte eine Blasenfüllung von ungefähr 180 ml erreichen können, ein siebenjähriges Kind von ca. 240 ml. Weichen die Werte deutlich ab, sollten weitere Untersuchungen gemacht werden, um herauszufinden, wo genau das Problem her kommt und was die sinnvollsten Maßnahmen sind. Zu den weiteren Untersuchungen zählen ein Ultraschall der Blase, bei dem unter anderem der Restharn abgeschätzt werden kann und der Uroflow, bei dem festgestellt werden kann, wie gut sich die Blase füllen und entleeren kann.

Maßnahmen

Die Beseitigung einer Verstopfung, sowie das Ess- und Trinkverhalten habe ich bereits angesprochen. Die weiteren Maßnahmen hängen natürlich davon ab, ob eine zu niedrige Füllmenge, häufiger Drang oder zu langer Aufschub vorliegen. Vielerorts führen Urotherapeut*innen Verhaltenstherapien wie die Blasenschule durch und beraten die Eltern. Zudem können Medikamente zum Einsatz kommen, Biofeedbackgeräte, um die Wahrnehmung zu verbessern, ein Windelpiepser, um zu lernen den Harndrang nachts wahrzunehmen oder die doppelte Entleerung, wenn Restharn vorliegt, damit die Blase wieder lernt, sich vollständig zu leeren.

Wenn diese Maßnahmen nicht ausreichen, ist Physiotherapie eine gute Ergänzung. Hierfür empfiehlt es sich zu spezialisierten Physiotherapeut*innen zu gehen, die sich mit der Behandlung von Kindern und Beckenboden auskennen. Zu finden sind diese zum Beispiel unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste/therapeutenliste-kinder.

In der Physiotherapie geht es auch um Verhaltenstipps, jedoch ist die Körperwahrnehmung ein wichtiger Bereich der Therapie. Auch Atmung, Entspannung, Haltung, Kraft und Spannung der Rumpf- und Beinmuskulatur sind je nach Befund Teil der Behandlung. Auch bei Verstopfung gibt es physikalische und physiotherapeutische Maßnahmen, die helfen können.

Der Alltag der Kinder und der Eltern muss natürlich immer mit berücksichtigt werden. Oftmals braucht es kreative Ideen, um Lösungen zu finden. Viele ältere Kinder gehen zum Beispiel ungern in der Schule auf die Toilette, weil diese häufig sehr schmutzig sind und stinken. Desinfektionsmittel oder Seife dabei zu haben kann hier zum Beispiel hilfreich sein.

Manchmal braucht es doch mehr Kraft

Die Giggle-Inkontinenz kommt bei Jugendlichen, häufiger bei Mädchen als bei Jungs, vor der Pubertät vor. Hierbei kommt es zu Urinverlust in Verbindung mit Lachen. In diesen Fällen hat sich eine Beckenbodentherapie, auch mit Kräftigung, als hilfreich erwiesen.

Weitere Erkrankungen

Es gibt natürlich noch weitere Erkrankungen im Kindesalter, die sich auf Blase und Darm auswirken können und bei denen zum Teil Physiotherapie unterstützend hilfreich sein kann. Dazu gehören Fehlanlagen von Organen, zum Beispiel eine fehlende Niere, bei der Restharn besonders gefährlich wäre oder Fehlanlagen von Blase, Darm oder Darmausgang, bei denen eine Operation meist unumgänglich ist, Wahrnehmungsschulung oft aber unterstützend gut sein kann. Auch bei der Trisomie-21 kann es durch die oft niedrigere Muskelspannung und Darmträgheit zusätzlich zu Problemen kommen, wobei eine allgemeine Anregung der Muskulatur, mehr Bewegung und Kräftigung hilfreich sein kann.

Weitere Hilfen

In manchen Fällen kann eine Unterstützung durch eine Psychologin oder einen Psychologen notwendig und hilfreich sein. Wenn ein Kind bereits über längere Zeit trocken war und dann wieder einnässt, können psychologische Faktoren oder Stress eine Rolle spielen. Und auch Eltern können von psychologischer Hilfe profitieren, wenn die Situation in der Familie für viel Stress oder Streit sorgt.

In jedem Fall ist es wichtig zu wissen, dass es Hilfsmöglichkeiten gibt, manche Probleme aber auch mit der Zeit von alleine vergehen. Im Zweifelsfall sollten Eltern immer das Gespräch Fachkräften suchen, besonders, wenn entweder das Kind oder sie selbst durch die Situation belastet sind.

Hier nochmal der Link für diejenigen, die auf der Suche nach spezialisierten Physiotherapeut*innen sind: http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste/ therapeutenliste-kinder

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Lucia Sollik Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie

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