„Beckenbodentraining, das ist doch langweilig. Immer nur Anspannen!“
Oft höre und lese ich, wie Beckenbodentherapie als reines Anspannen bezeichnet wird. Dann folgen meist Tipps und Übungsideen, die mehr Spaß machen und effektiver sein sollen, da bei diesen Übungen der Beckenboden einfach automatisch mitmacht und dadurch kräftiger wird. Das klingt doch gut!
Zu gut, um wahr zu sein?
Vorneweg möchte ich anmerken, dass die funktionelle Beckenbodentherapie ganz viele verschiedene Dinge umfasst. Die gezielte Kräftigung der Beckenbodenmuskulatur ist nur ein Teil davon. Wer zu spezialisierten Physiotherapeut*innen geht, wird erstmal genau gefragt, was für Symptome vorhanden sind. Es ist empfehlenswert, bei einem der nächsten Termine durch vaginale und anorektale Inspektion und Palpation einen genaueren Befund zu erstellen. Davon leitet sich dann die individuelle Behandlung ab. Erklärungen zur bestehenden Symptomatik, zur Anatomie und Physiologie, Infos und Tipps für den Alltag, zum Trink- und Entleerungsverhalten, Übungen zur Verbesserung der Wahrnehmung, der Atmung, der Entspannung und vieles mehr können neben einem Training für die Kraft hilfreich sein.
Das Krafttraining setzt eine gute Wahrnehmung und Ansteuerung der Beckenbodenmuskulatur voraus. Und zu Beginn der Therapie soll der Beckenboden meist tatsächlich isoliert, bzw. in Kombination mit der tiefen Bauchmuskulatur, aktiviert und gekräftigt werden. Sobald das gut umsetzbar ist, soll die Beckenbodenmuskulatur aber lernen, auch bei verschiedensten Bewegungen mit aktiv zu werden. Die Übungsauswahl und die Steigerungen orientieren sich dabei individuell daran, was der Beckenboden kann und welches Ziel erreicht werden soll. Wer wieder Joggen will, wird langfristig andere Übungsvarianten brauchen als jemand, dem ein Spaziergang als Belastung reicht.
Kann ich den Beckenboden auch ohne „Anspann-Übungen“ kräftigen?
Ohne das gezielte Aktivieren der Muskulatur ist eine Kräftigung des Beckenbodens leider nur schwer zu erreichen. Die Studienlage ist hier sehr eindeutig und belegt klar, dass Training sinnvoll und wirksam ist.
Die Frage, welcher Sport den Beckenboden einfach nebenbei kräftigt, eben ohne das gezielte Anspannen der Muskulatur, ist eine der am häufigsten gestellten Fragen in der Therapie. Die Studienlage dazu ist interessant, wenn man sie sich genauer ansieht.
Studie: Reiten stärkt den Beckenboden
2014 wurde eine Studie veröffentlicht, die untersucht hat, ob sich Reiten positiv auf die Beckenbodenkraft auswirkt. (Carboni et al. 2014) Die Studie war mit 12 Teilnehmerinnen sehr klein, es gab keine Kontrollgruppe. Alle Teilnehmerinnen hatte keine Inkontinenz oder Organsenkung, es sollte nur getestet werden, ob Reiten als präventive Maßnahme einsetzbar wäre. Bei allen Frauen zeigte sich am Ende der Maßnahme eine Verbesserung der Beckenbodenkraft.
Die Studienteilnehmerinnen hatten 12 Wochen lang einmal in der Woche für 30 Minuten Training. Im Training wurde die Basistechniken für das Reiten geübt und zusätzlich gezielte Beckenbodenübungen gemacht (Kegel-Übungen).
Da es keine Kontrollgruppe gab, ist nicht klar, wieviel Einfluss das Reiten und wieviel die gezielten Übungen auf die Verbesserung der Kraft hatten.
Studie: Rumba tanzen kräftigt den Beckenboden
Eine kleine Studie von 2022 aus China hat untersucht, ob Rumba tanzen in Kombination mit Atemübungen den Beckenboden kräftigt und Inkontinenzsymptome verbessert. (Tang et al. 2022) Das Fazit der Autoren war sehr positiv! Tanzen anstatt Anspann-Übungen klingt vielversprechend!
Es lohnt sich aber, diese Studie genauer zu betrachten. Die Übungs- und Kontrollgruppe war mit 15 Teilnehmerinnen relativ klein. Alle Teilnehmerinnen hatten eine leichte bis moderate Belastungsinkontinenz, waren sportlich wenig aktiv und hatten die Menopause bereits hinter sich. 16 Wochen lang fand 3 x pro Woche ein 90-minütiges Training statt. In dieser Zeit wurde für 60 Minuten Rumba beigebracht und getanzt, mit Fokus auf aufrechter, aktiver Haltung und guter Atmung. Davor wurden Atemübungen gemacht. 10 Minuten lang gezielte Bauchatmung und 10 Minuten lang forcierte Bauchatmung mit gezielter Aktivierung des Beckenbodens in der Ausatmung für jeweils 5 Sekunden.
Was also erstmal klingt, als ob auch ohne Beckenbodentraining, allein durch tanzen, eine gute Kräftigung stattgefunden hätte, zeigt bei genauerer Betrachtung, dass vor dem Tanzen der Beckenboden regelmäßig und intensiv aktiviert wurde – was einer Kräftigungsübung entspricht.
Interessant wäre es gewesen, wenn es neben der Kontrollgruppe, die gar nichts gemacht hatte, eine weitere Kontrollgruppe gegeben hätte, die nur die Atemübungen mit und ohne Beckenbodenaktivierung gemacht hätte.
Reagieren ein gesunder und ein geschwächter Beckenboden gleich?
Wie ein gesunder Beckenboden reagiert, wird oftmals übertragen auf das, was einen geschwächten Beckenboden kräftigen soll. Warum das nicht gut funktioniert, möchte ich gerne erklären.
Dissertation von Prof. Dr. Birgit Schulte-Frei
Eine der Arbeiten, die immer wieder zitiert werden, um zu zeigen, dass der Beckenboden allein durch bestimmte Übungen gut aktiviert und gekräftigt werden kann, ist diese. (Schulte-Frei, 2007) Es ist eine wirklich tolle Arbeit und es lohnt sich, sie genauer zu betrachten.
In dieser Arbeit wurden verschiedene Dinge untersucht und betrachtet. Zum einen wurde bei einer Gruppe von gesunden Frauen getestet, wie die Beckenbodenmuskulatur und einige andere Muskelgruppen der Beine und des Rumpfes bei Belastung reagieren. Dafür mussten die Probandinnen eine Reihe verschiedenster Bewegungen und Übungen ausführen. Diese Gruppe aus 35 Probandinnen bestand zur Hälfte aus Sportstudentinnen und Physiotherapeutinnen.
Ergebnis: Ja, der Beckenboden reagiert automatisch mit höherer Aktivität auf erhöhte Belastung! Im Stand hat er eine höhere Aktivität als im Liegen und im 1-Bein-Stand eine noch höhere. Besonders hoch wird die Muskelaktivität beim Schwingen (nicht Springen!) auf dem Trampolin in Verbindung mit der bewussten Anspannung der Beckenbodenmuskulatur.
Ist das überraschend? Nein. Es zeigt allerdings sehr gut, was die Aufgabe der Beckenbodenmuskulatur im Alltag ist: sich automatisch an die Belastung des Körpers und Druckerhöhung im Bauchraum anzupassen.
Ein weiterer Teil der Arbeit untersuchte die Beckenbodenaktivität bei 67 Patientinnen, also bei Frauen, die unter einer Belastungsinkontinenz litten. Zwei Drittel der Probandinnen waren zwischen 50 und 69 Jahre alt und damit war diese Gruppe deutlich älter als die der gesunden Frauen und hatte im Durchschnitt auch mehr Kinder geboren.
In der Gruppe der Patientinnen zeigte sich in den Untersuchungen nicht nur eine deutlich geringere Kraft der Beckenbodenmuskulatur im Vergleich zur Gruppe der Gesunden, die Kraftwerte waren im Stand sogar geringer als im Liegen. Schnellkraft, Kraftausdauer und Ansteuerung des Beckenbodens waren ebenfalls deutlich geringer.
Eine automatische Erhöhung der Aktivität ist hier in vielen Fällen für die Muskulatur nicht möglich, so dass sich die Reaktion des Beckenbodens bei Belastung deutlich von der bei Gesunden unterscheidet und nicht für Übungen übertragen lässt.
Fazit
Ja, wir wollen vielseitiges, abwechslungsreiches, sich steigerndes und auf die individuellen Ziele angepasstes Beckenbodentraining!
Dafür braucht es aber in jedem Fall zuerst eine gute Basis. Und diese lässt sich durch gezielte Übungen, wie weiter oben beschrieben, erreichen. Dann muss die Beckenbodenaktivierung natürlich in Alltag und Sport integriert werden. Aber eben erst dann, wenn die Basis vorhanden ist.
Auf die Beckenbodentherapie spezialisierte Physiotherapeut*innen sind auf der Therapeutenliste der AG GGUP unter http://www.ag-ggup.de/therapeutenliste zu finden.
Lucia Sollik / Physiotherapeutin / Beckenbodentherapie
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